Ein Denkmal — Friesen und seine symbolische Darstellung
»Am Anfang war Napoléon …«
[…] Die große Politik bestimmt das Schicksal […]
(Vergl. Thomas Nipperday (*1927; †1992) »Deutsche Geschichte 1800 — 1866«, Beck, 2013, S. 11)
Um näher an die bemerkenswerte Person Friesens heranzurücken, bietet sich die Besprechung des Denkmals für den Patrioten an, welches in Magdeburg anlässlich seines 100. Geburtstages eingeweiht wurde. Bemerkenswert dabei ist, dass sich der Magdeburger Turnrat im Datum irrte und die Feierlichkeiten für 1885 statt für das Jahr 1884 vorsah. Ursächlich dafür war ein Versehen des Majors von Lützow, der in dem von ihm ausgestellten Totenschein das Geburtsdatum Friesens mit 1785 statt mit 1784 angab.
(Vergl. »Friedrich Friesen — Ein politisches Lebensbild«, E. Rundnagel, München & Berlin 1936, Verlag R. Oldenbourg,
S. 182)
Der Fehler in den Daten Friesens erscheint bis in unsere Tage in verschiedenen Publikationen. Auf Grund von Schwierigkeiten bei der Finanzierung des Denkmals verschob sich dieses Ereignis noch bis zum 24. September des Jahres 1893. Wobei das falsche Geburtsdatum nunmehr korrigiert war. Einen ersten Versuch, wichtige Ereignisse des Lebensweges Friesens an Hand des Denkmals in Magdeburg zu dokumentieren, nahm Karsten Brandt in seiner Darstellung
»Friedrich Friesen: Ein Jüngling ohne Furcht und Tadel — Der deutschen Jugend gewidmet« aus der Reihe Als Deutschland erwachte, Schloeßmann 1909 – 1912 vor.
2014 gingen Krüger und Stein einen ähnlichen Weg in »Turnen ist mehr – Patriotismus als Lebensform«. In der hier vorliegenden Arbeit soll diese Herangehensweise in einer erweiterten Form aufgegriffen werden.

Wir treffen auf das Denkmal, das der Künstler Ernst Habs jun. (*1858; †1898) schuf, in den Anlagen des Fürstenwalls unterhalb des 1877 errichteten Kriegerdenkmals für die preußischen Einigungskriege, in der heutigen Hegelstrasse. Büste und Vorderseite des Postaments stellt Friesen in der Uniform der »Lützower« dar. Eine Reliefplatte zeigt ein Wappen mit Lorbeer und Eichenzweigen, in dem Geburts- und Todesdatum verewigt sind. Ebenfalls auf der Vorderseite, auf der Stufe, erkennen wir Jahns Ausspruch, wie bereits vorne ausgeführt.
«Wie Scharnhorst unter den Alten, so ist Friesen unter der Jugend der Größeste aller Gebliebenen«
An den Seiten und an der hinteren Front befinden sich weitere Reliefplatten mit den Darstellungen aus dem Leben Friesens, die die wichtigsten Stationen seines kurzen Lebens berühren. Diese geben uns den Raum für ein tieferes Eindringen in dessen Persönlichkeit, sowie die Betrachtung der ihn umgebenen Männer mit all ihren Gedanken, Taten, Wirken und Intentionen in einer großen Zeit.
Unter der linken Schulter der Büste erkennt man auf dem Relief Friesen mit dem Initiator der Turnbewegung, Friedrich Ludwig Jahn (*1778; †1852), sowie den Fechtlehrer Ernst Wilhelm Eiselen (*1792; †1846).

Das Bild führt uns in die Zeit zurück nach der katastrophalen preußischen Niederlage gegen Napoléon 1806 bei Jena und Auerstedt, als sich vor allem in Preußen der Widerstand gegen die französische Besetzung des Landes formierte.
Wir sehen mittig die ansehnliche Gestalt Friesens, über den es in der Literatur vielfältige Lobpreisungen gibt. Neben seinen Charaktereigenschaften, denen man eine gewisse Frömmigkeit und puritanische Sittenstrenge, gepaart mit Bescheidenheit nachsagte, soll er auch vertrauensselig und taktvoll im Umgang mit den Menschen seiner Umgebung gewesen sein. Das auch in der geistigen und sportlichen Auseinandersetzung.
Der enge Freund Friesens Wilhelm Harnisch (*1787; †1864) schrieb 1816:
[…] Friedrich Friesen war von mittlerer Größe, schön gewachsen und hatte blaue Augen und glattes , blondes Haar, […] in seinem Gesicht lag Milde und Anmut, Kraft und Würde. Sein Gang und all seine körperlichen Bewegungen waren ausdrucksvoll und gefällig. […]
(Vergl. »Turnen ist mehr — …, Hg. Krüger & Stein, Bd. 1, Hildesheim 2014, S. 49, oder »Friedrich Friesen«, Dr. Carl Euler, Bln. 1885, K. Schmidts Buchhandlung, S. 10)
Ernst Moritz Arndt (*1769; †1860) beschrieb Friesen ähnlich:
[…] Ein rechtes Bild ritterlicher und jungfräulicher Unschuld, mit Schönheit, Kraft und Wissenschaft gerüstet, gleich geübt in der Kunst der leiblichen und geistigen Waffen, weise wie ein Mann und unschuldig wie ein Kind: Eine Blume schöner Hoffnung für das Vaterland, das sein einziger und höchster Gedanke war. […]
(»Friedrich Friesen«, Dr. Carl Euler, Bln. 1885, K. Schmidts Buchhandlung, S. 9)
Friesen steht angelehnt an einem Turngerät, dem Barren, vor ihm sitzt sein Mitstreiter Jahn. Dieser, mit einem Papier in der Hand, scheint zu dokumentieren, was Friesen erläutert.

Hinter Friesen ist Eiselen mit einer Schrift, womöglich über das Fechten, in der Hand zu erkennen. Eiselen war – neben Friesen – eine der einflussreichsten Persönlichkeiten in der Turnerbewegung, die durch Jahn mit der Gründung des ersten öffentlichen Turnplatzes 1811 etabliert wurde. Eiselen war nicht nur Co-Autor Jahns bei der Schrift »Deutsche Turnkunst« (1816), sondern schrieb weitere wichtige Bücher sowohl über Gymnastik, Turnen und Fechten. Baumwipfel deuten möglicherweise auf die Hasenheide bei Berlin hin. Eine Leiter als Sportgerät diente wohl beim Klettern. Im Hintergrund kreuzen zwei Fechter ihre Waffen.
Es ist also die Zeit der Formierung des »Deutschen Bundes« als politisches Instrument der Vorbereitung der Jugend Preußens auf die unausweichlichen Auseinandersetzung mit der napoleonischen Fremdherrschaft unter Napoléon im Jahr 1810. Auch militärisch wurde Friesen 1808 erstmals aktiv. Im Dienste Majors von Schill kundschaftete er 1809 das französisch besetzte Magdeburg aus.
Erscheinungen bedeutender Ereignisse, die weiterhin dahin führten, sind:
- 1808, am 14. Oktober war Jahns Hauptwerk »Das Deutsche Volkstum« erschienen.
- Blücher tönte: »Der Bonaparte, der verfluchte Racker, muß herunter«.
- Saragossa, die Ereignisse des spanischen Bürgerkrieges des Jahres 1809.
- Der Aufstand der Tiroler Bergbauern unter der Führung von Andres Hofer.
- Dörnbergs Aufstand gegen Jeromé am 22. April 1809 im hessischen Homberg.
- Der Zug der »Schwarzen Schar« des Herzogs Friedrich Wilhelm von Braunschweig- Lüneburg-Oels im Jahr 1809.
- Ferdinand von Schills Zug und Tod im Jahre 1809.

Von wahrscheinlich eminenter Bedeutung für Friesens gedanklicher Entwicklung in dieser Zeit ist wahrscheinlich sein Kontakt zum Philosophen Johann Gottlieb Fichte (*1762;†1814), dessen Vorlesungen er in Berlin besuchte. Dort hörte Friesen Fichtes »Reden an die Deutsche Nation«, die er im Zeitraum vom 13. Dezember 1807 bis zum 20. März 1808 in der Preußischen Akademie las.
Friesen vernahm einen flammenden Appell zum Widerstand gegen Napoléon. Es ging um die Lage der deutschen Nation, um die Nationalerziehung, um die Rolle der Deutschen in der Weltgeschichte, um Vaterlandsliebe und Opferbereitschaft. Fichtes Intentionen sollten sich im Gedankengut Friesens deutlich widerspiegeln. Hier ist zu beachten, dass sich die Nationalsozialisten ausdrücklich auf Fichtes Rede an die Deutsche Nation beriefen und somit die aufklärerische Auffassung des Philosophen verfälschten. Auch Friesen geriet somit hier im Zusammenhang mit dem Wirken der späteren Burschenschaften in den Sog von Verdächtigungen, dem Nationalismus Vorschub geleistet zu haben.
Sinnbilder der frühen Turnerbewegung wie Jahn und Friesen wurden durch die Nationalsozialisten zu Bürgerhelden hochstilisiert, die den volksdeutschen Gedanken transportiert hätten. In den Jahren von 1817 bis in die späten 1830-er Jahre, bis lange nach seinem Tod, geriet der Turnlehrer zuvor allerdings schon in die »Mühlen« der Demagogenverfolgungen. Dieser Umstand verhinderte die Überführung seiner sterblichen Überreste in das Vaterland, bis zum März 1843.
In Friesens und Jahns Denkschrift von 1811 zur »Ordnung und Errichtung der deutschen Burschenschaften« wurde publiziert, worin ein neuer zeitgemäßer Typ von Studenten-Verbindungen bestehen sollte. Als Rektor der Berliner Universität lehnte Fichte dieses Projekt, welches Friesen ihm vorlegte, jedoch als zu radikal ab. Als am 12. Juni 1815, drei Tage vor dem Ende der Schlacht von Waterloo, in Jena die »Deutsche Burschenschaft« gebildet wurde, war diese Denkschrift ein Fundament der Vereinigung.
[…] Zu ihrem Wahlspruch erkoren sie: »Dem Biedern Ehre und Achtung”, zur steten Erinnerung, nur den achtbaren deutschen Jüngling in ihrer Mitte zu dulden und stets Redlichkeit und Biedersinn zu vereinen. […]
(Vergl. Voigtländer Quellenbücher – Band 72 »Aus der Zeit der Demagogenverfolgungen«, 1914, S. 22 bis 24)
Die von den Schlachtfeldern Europas heimkehrende akademische Jugend war inspiriert durch die Schriften Jahns und Arndts. Besonders Jahns »Volkstumsidee« befeuerte den Wunsch nach politischen Veränderungen. Arndts Lied aus dem Jahr 1813 »Was ist des Deutschen Vaterland« galt als Hymne der damaligen studentischen Jugend.
Des Deutschen Vaterland (1813)
Was ist des Deutschen Vaterland?
Ist’s Preussenland? ist’s Schwabenland?
Ist’s, wo am Rhein die Rebe blüht?
Ist’s, wo am Belt die Möwe zieht?
O nein, nein, nein!
Sein Vaterland muß größer seyn.
Später dann wurde der Wahlspruch am 18. März 1816 in »Ehre, Freiheit, Vaterland« geändert.
(Vergl. Voigtländer Quellenbücher – Band 72 »Aus der Zeit der Demagogenverfolgungen«, 1914, S. 22 bis 24)
Nach der Einleitung der Preußischen Reformen durch Heinrich Friedrich Karl Reichsfreiherr vom und zum Stein (*1757; †1831) und Karl August von Hardenberg (*1750; †1822), stand vor allem die Heeresreform unter Gerhard Johann David Scharnhorst (*1755; †1813), im Mittelpunkt des allgemeinen Interesses.
Die Agrarreform (Oktoberedikt 09.10.1807), auch sogenannte »Bauernbefreiung«.
Die Städtereform (19.11.1808) gewährt das Recht auf Selbstverwaltung.
Die Kabinettsreform (24.11.1808) führte fünf Minister (Inneres, Äußeres, Finanzen, Justiz und Krieg) ein.
Die Gewerbereform hob in Preußen den Zunftzwang auf.
Die Bildungsreform (1808) verfolgte das Ziel einer humanistischen Bildung und Erziehung aller Preußen ohne Unterschied der Klassen und Religionen.
Die Heeresreform verfolgte neben notwendigen strukturellen und taktischen Veränderungen das Ziel, eine nationale Armee zu schaffen, in der das Bürgertum vor allem über die »Landwehr« zur Geltung kommen sollte.
Die Judenemanzipation (1812), in der Juden formal die Staatsbürgerschaft zuerkannt wurde.
Scharnhorst, Boyen, Grohmann und Gneisenau sorgten sich um Tauglichkeit der damaligen jungen Generation für den kommenden Kriegsdienst. Lebens- und Arbeitsbedingungen der Masse der jungen Männer und deren Gesundheitszustand waren teilweise besorgniserregend. War für die Jugend der privilegierten Bevölkerungsschichten Fechten, Reiten, Tanzen und Schießen vorbehalten, so blieb den unterprivilegierten jungen Männern vielfach nur Laufen, Springen, Klettern übrig, um den Körper zu stählen. Das Schwimmen war allgemein unbekannt.
Nicht alle Väter sorgten sich um den Nachwuchs so wie Gneisenau um seinen durch Krankheit geschwächten Sohn, dem er tägliche Übungen im Freien anordnete. In einem Brief an seine Frau können wir lesen:
[…] Er wird zwar hierbei weniger lernen, aber wenn eins sein soll, so will ich lieber, daß er etwas unwissender sei und einen festen Körper habe, als daß er gelehrt sei und sieche. […]
(Vergl. Das Leben des Feldmarschalls Grafen Neithardt von Gneisenau. Erster Band 1760 bis 1810. Pertz, Georg Heinrich,
S. 528)

Scharnhorst, Boyen, Gneisenau und Grolman setzten sich nachdrücklich für den Gymnastikunterricht nach den Regeln GuhtsMuths ein. Die physische Ausbildung sollte im Einklang mit der patriotischen Erziehung der Jugend einhergehen. Der Lehrer und Freund Clausewitz´, Gerhard David von Scharnhorst (*1755; †1813) formulierte in zwei Schriften, »Vorläufiger Entwurf der Verfassung der Reservearmee vom August 1807« und »Vorläufiger Entwurf zur Verfassung der Provinzialtruppen vom 15. März 1808«, jeweils im § 1 der Entwürfe:
»§ 1 Alle Bewohner des Staates sind geborene Verteidiger desselben.«
Beide Entwürfe forderten praktisch »die allgemeine Wehrpflicht«, was Gleichheit aller vor dem Gesetz bedeutet hätte.
(Vergl. Scharnhorst, »Ausgewählte militärische Schriften«, Militärverlag DDR, Uscek/Gudzent, S. 236 ff. und S. 243 ff.)

In den angegangenen Reformen des preußischen Staates spiegeln sich Wirken und Intentionen der im Relief dargestellten historischen Figuren Friesen, Jahn und Eiselen wider. Diese Idee trägt die Befreiungskriege, überlebt die Demagogenverfolgung in den deutschen Landen und lebt im Vormärz von 1815 bis 1848 und darüber hinaus immer wieder auf.
Als Autor dieser Arbeit erinnere ich mich an Sportstunden, in denen wir in meiner frühen Schulzeit (DDR) um 1962 herum, immer zu Beginn des Unterrichtes einen kleinen Marsch durchführten und aus voller Kehler sangen:
»Turner, auf zum Streite, tretet in die Bahn! Kraft und Mut geleite uns zum Sieg hinan! |: Ja, zu hehrem Ziel führet unser Spiel!
Nicht mit fremden Waffen schaffen wir uns Schutz; was uns anerschaffen ist uns Schutz und Trutz. |: Bleibt Natur uns treu, stehn wir stark und frei!
Wie zum Turnerspiele ziehn wir in die Welt; der gelangt zum Ziele, der sich tapfer hält. |: Männern, stark und wahr, strahlt der Himmel klar!
Auf denn, Turner, ringet, prüft der Sehnen Kraft! Doch zuvor umschlinget euch als Bruderschaft: |: Großes Werk gedeiht nur durch Einigkeit!«
(Turnerlied (Melodie: Josef Sturz Text: A. H. Weismann 1841)
Der Wahlspruch Jahns, »Frisch, Fromm, Frei«, war uns Schülern damals bekannt. Der Unterricht begann und endete mit dem gemeinsamen Ruf »Sport frei!« Zu Jahns Zeiten war der Turnergruß »Gut Heil« üblich, der auf Grund der Herrschaft der Nationalsozialisten regelrecht »verbrannt« war.
Friesen hatte sich bereits als Turnlehrer in der Erziehungswissenschaft einen Namen gemacht. Vor allem sein Beispiel als Lehrer und Patriot leuchtet heute.
Friedrich Adolph Wilhelm Diesterweg (*1790;†1866), ein deutscher Pädagoge, äußerte sich zum Lehrer als Vorbild in folgender Weise:
[…] Die wichtigste Erscheinung in der Schule, der lehrreichste Gegenstand der Anschauung, das lebendigste Beispiel ist für den Schüler der Lehrer selbst. […]
(Vergl. bachelor-master-publishing.de/document/297440)
Das war im Sinne Friesens! Und es bleibt zu hoffen, dass dieser Geist im heutigen Deutschland nicht verloren geht und wiederbelebt werden kann! Diese Idee verkörpert das erste Relief am Magdeburger Denkmal für Friesen, vor dem wir auf dem Fürstenwall in der Hegelstraße stehen.
Auf dem Relief an der Rückseite des Denkmals sind Friesen und der Dichter Carl Theodor Körner (*1791; †1813) dargestellt. Dieses Bild soll den Moment des Beitritts beider Männer zum Lützower Freikorps darstellen.
[…] Die Anwesenheit Körners bei der Vereidigung Friesens entspricht nicht der historischen Wahrheit und ist die Frucht künstlerischer Freiheit. […]
(Vergl. Vergl. »Turnen ist mehr — …«, Hg. Krüger & Stein, Bd. 1, Hildesheim 2014, S. 64)

Adolf Ludwig von Lützow steht vor Friesen und trägt aus der »Allerhöchsten Kabinetts-Ordre (AKO) vom 3. Februar 1813« über die Aufstellung freiwilliger Jägerdetachements und dem dann folgenden Aufruf zur Bildung der Freischar vor. Daher auch der Beinamen »Lützower« oder »Schwarze Jäger«, die sich in der Geschichte manifestierten. Im Hintergrund sollen Karl Freiherr von und zum Stein (*1757; †1831), Jahn und der romantische Dichter und Lyriker Max von Schenkendorf (*1783; †1817), zu sehen sein.
Schenkendorf war teilnehmender Beobachter (Schenkendorf war dienstuntauglich) der Befreiungskriege und später Regierungsrat in Koblenz, dort mit der Militärverwaltung betraut. Er war Vertrauter von Marie und Carl von Clausewitz in seiner Koblenzer Zeit. Seine Lieder und Gedichte dürften bei Friesen zweifelsohne Wirkung hinterlassen haben. Der viel zu früh schon am 17. Dezember 1817 verstorbene Freiheitsdichter stellte 1813 die Frage:
Freiheit, die ich meine
Die mein Herz erfüllt
Komm mit deinem Scheine
Süßes Engelsbild!
Magst du dich nie zeigen
Der bedrängten Welt?
Führest deinen Reigen
Nur am Sternenzelt?
Das Volk steht auf, der Sturm bricht los,
Wer legt noch die Hände feig in den Schoß?
Pfui über dich Buben hinter dem Ofen,
Unter den Schranzen und unter den Zofen!
Bist doch ein ehrlos erbärmlicher Wicht.
Ein deutsches Mädchen küßt dich nicht
Ein deutsches Lied erfreut dich nicht
Und deutscher Wein erquickt dich nicht
Stoßt mit an
Mann für Mann,
Wer den Flamberg schwingen kann
Die »Lützower Jäger« wurden später Als »Poesie des Heeres« in der Literatur durch den Magdeburger Schriftsteller Karl Leberecht Immermann (*1796; †1840) dargestellt. Das war vor allem der historischen Ungewöhnlichkeit der Bildung, der Zusammensetzung, des Wirkens im Krieg bis hin zur Auflösung dieser Truppe zu verdanken.
[…] Nirgends - so Immermann-, stand der junge grüne Hain so dicht, als in der Lützow´schen Freischar. Hier war der Student Nebenmann des Professors; Ärzte, Künstler, Lehrer, Geistliche, Naturforscher, ausgezeichnete, zum Teil schon hochgestellte Beamte aus allen Gauen Deutschlands waren in den Jägerkompanien und Schwadronen, deren Masse aus tüchtigen Handwerksgesellen und Bauernburschen bestand, […] Die Lützow´sche Freischar war die Poesie des Heeres, so hat denn auch der Dichter des Kampfes, Theodor Körner, in ihren Reihen gesungen, gefochten und vollendet. […]
(Vergl. »Friedrich Friesen und die Lützower«, Hg. E. Heinrich, Druck und Verlag Steinkopf, Stuttgart 1890, S. 60)
Eine weitere Besonderheit, dieser »wundersamen Genossenschaft«* war die Rolle einzelner Frauen, die sich als Männer verkleidet hatten und im Befreiungskrieg unter Männern kämpften.
*Begriff nach Immermann
Das prominenteste Beispiel von insgesamt 23 kämpfenden Frauen war Eleonore Prochaska (*1785; †1813). Die Tochter eines Unteroffiziers und Musiklehrers diente unter dem Namen August Renz im 1. Jägerbataillon des Freikorps. Im Gefecht an der Göhrde wurde die junge Frau tödlich verletzt und starb drei Wochen später im Lazarett von Dannenberg.
[…] Erst anläßlich der Verwundung wurde offenbar, daß der Jäger Renz eigentlich weiblichen Geschlechts war. Dies verhinderte jedoch nicht eine Beisetzung mit allen militärischen Ehren. Im Gegenteil, die beiden anwesenden Jägerkorps nebst Offizieren sowie der preußische Minister und außerordentliche Gesandte Graf de Groote nahmen an der Beisetzung in Danneberg teil. […]
(Vergl. »Kriegshelden«, R. Schilling, Schöningh 2002, S. 85 — 86)

Diese junge Frau wurde immer wieder neu interpretiert und erfuhr im Laufe der Zeit mehrere Vereinnahmungen – wie auch Friesen – aus verschiedenen politischen Richtungen. Prochaska wurde nach und nach eine Symbolfigur für Patrioten, Nationalisten, Kriegsbefürworter, Kommunisten und Feministinnen.
Die Bildung des Lützower Freikorps war zurückzuführen auf eine Intention Scharnhorsts, der dem Preußischen König Fr. W. III. die Idee nahebrachte, neben den regulären Linientruppen und der noch zu formierenden Landwehr und den Landsturm über Freikorps zu verfügen, die einer anderen Fechtart folgen sollten. Lützow sollte das Korps im Ganzen führen, Christian Friedrich Engel v. Petersdorff (*1775; †1854) die Infanterie.
Im Mittelpunkt stand hier die Gefechtsart des Streifzuges, der zwei Hauptaufgaben haben sollte:
a) Die Zerstörung der feindlichen Kriegsdepots zwischen Elbe und Rhein sowie überhaupt die Entziehung aller für die Bildung einer Armee notwendigen Mittel.
b) Die Verwendung solcher Mittel im Interesse zur Beschaffung der Bevölkerung gegen Frankreich, nach einem noch näher zu entwickelnden System.
Besonders erwähnenswert hierbei war, dass nach Scharnhorsts Ansicht die Ausführung dieser Idee in zwei Teile zerfallen sollte. In einen militärischen und in einen politischen Teil. Scharnhorst, der sich zunächst beim Preußischen König für Lützow als Freikorpsführer verwendete, übergab an selbigen klare Instruktionen für die Gefechtsführung des Kleinen Krieges, so wie ihn auch Clausewitz verstand.
(Vergl. F. v. Jagwitz »Geschichte des Lützowschen Freikorps«, Berlin 1882, Mittler & Sohn, Hofbuchhandlung, S. 8 ff. und 44 ff.)
Im Verlaufe des Frühjahrs – das Lützowsche Freikorps war trotz der Zweifel des Monarchen, »Freiwillige aufrufen, ganz gute Idee; aber keiner kommen!«, soll der König gesagt haben – eine beachtliche Truppenstärke zusammengekommen. Binnen kurzem, nach nur vierwöchiger Ausbildung, trat Lützows Freikorps Ende März in Stärke von 900 Fußsoldaten und 260 Reitern den Marsch nach Sachsen an. Durch weiteren Zulauf wuchs die Infanterie bis zum Mai auf 2.800 Mann an, die damit für einen beweglichen Einsatz zu schwerfällig wurde. So konnte nicht die Harzgegend erreicht werden, wo Lützow Stützpunkte für eine Volkserhebung anlegen sollte. Die Infanterie blieb in der Prignitz und in der Altmark, während Lützow selbst mit 480 Reitern einen Streifzug durch Thüringen und ins Vogtland bis Plauen unternahm.
(Vergl. deutsche-biographie.de)
Allerdings beobachten wir eine gewisse Differenzierung Scharnhorsts zu Lützow in dieser Zeit. Über deren genauere Ursachen nicht viel bekannt sein dürfte. In einem Brief an seine Tochter Clara Sophie Juliane Gräfin zu Dohna-Schlobitten vom 28. April 1813, schrieb Scharnhorst aus Altenburg unter anderem:
[…] Wir haben die Methode, überall uns zu vermehren; am meisten geschiehet dies vom Lützowschen Korps, […] Es tut mir Leid, Dir zu sagen daß Dein Protegée Lützow, den ich nicht um seine Person, sondern aus anderen Gründen, die Errichtung eines Korps von Ausländern* bewirkte und leitete, so eingenommen, übermütig und unausstehlich geworden ist, daß ich mit ihm in die größte Verlegenheit gekommen bin. […]
* Unter dem Begriff »Ausländer« verstand Scharnhorst die Rekrutierung von Freiwilligen vor allem aus den deutschen Ländern außerhalb Preussens.
(Vergl. »Scharnhorsts Briefe«, Hg K.Linnebach, Kraus Reprint München, 1980, S. 469)
Mit der Öffnung des Freikorps für sogenannte Ausländer spiegelte sich vor allem der politische Gedanke Friesens wider, den er mit Jahn teilte, indem eine Einigung der deutschen Einzelstaaten das Ziel des Deutschen Bundes war. Am 28. Februar 1813, also noch im gleichen Monat der Proklamation zur Bildung des Freikorps, wurden die Männer in der Kirche zu Rogau-Rosenau, im damaligen Schlesien, heute Rogów Sobócki, in feierlicher Weise durch den Pastor Peters vereidigt.
[…] Der feierliche vorgesagte und von allen nachgesprochene Kriegseid, auf die Schwerter der Offiziere geschworen, und : »Eine feste Burg ist unser Gott« machte das Ende dieser herrlichen Feierlichkeit, die zuletzt noch mit einem donnernden Vivat, das die Krieger der deutschen Freiheit ausbrachten, gekrönt wurde. […]
(Vergl. »Friedrich Friesen und die Lützower«, Hg. E. Heinrich, Druck und Verlag Steinkopf, Stuttgart 1890, S. 67 ff.)
Körner spiegelt diesen Moment lyrisch, mit viel Pathos wider:
Wir treten hier im Gotteshaus
mit frohem Mut zusammen
uns ruft die Pflicht zum Kampf hinaus
und alle Herzen flammen
Denn, was uns mahnt zu Sieg und Schlacht
hat Gott ja selber angefacht
Dem Herrn allein die Ehre
Text: Theodor Körner, am 28. März 1813: Lied zur feierlichen Einsegung des preußischen Freikorp , Lützower Freischar, in der Kirche in Rogau – in »Dichter der Freiheitskriege«, Freytag GmbH, 1908, S. 40

Es folgen markante Daten, wie der Aufruf »An mein Volk« vom 17. März. Zuvor am 10. März, am Geburtstag der verstorbenen Königin Luise, die Stiftung des »Eisernen Kreuzes«. Viele der Lützower Jäger, die von den Schlachtfeldern des Befreiungskrieges zurückkehrten, waren mit diesem Kreuz ausgezeichnet worden.
Nur Jahn wird das Königshaus, obwohl für seinen persönlichen Mut in die Liste der berechtigten Offiziere des 25. Infanterieregiements, dem Nachfolgeregiment der Infanterie des Königlich preußischen Freikorps von Lützow aufgenommen, diese Auszeichnung bis zum Jahr 1840 verweigern. Das war ein Resultat der Demagogenverfolgung, da er auf Grund seiner politischen Aktivitäten einige Jahre zuvor eine Gefängnisstrafe wegen Hochverrats absaß. Im Gegensatz zu Jahn wurde Theodor Körner als einer der ersten Lützower Jäger mit dem Eisernen Kreuz II. Klasse ausgezeichnet.

Königin Luise wurde nach dem Befreiungskrieg durch Friedrich Wilhelm III. posthum mit dem ersten hergestellten Exemplar des Kreuzes geehrt. Es wurde im Sockel einer Marmorbüste der Königin im Park von Hohenzieritz eingemauert, wo es 1945 von Soldaten der Roten Armee entwendet wurde.

[…] Protestantische Nüchternheit und Sachlichkeit ließen den preußischen König Friedrich Wilhelm III. gewiß nicht an einen Kreuzzug denken. allenfalls an den Wahlspruch »Mit Gott für König und Vaterland« klang ein christlich-patriotisches Motiv an. Damit wurde der Untertan nunmehr als Bürger in erweiterte Rechte und Pflichten eingesetzt. Dies geschah insbesondere durch die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht. Die Idee des »Staatsbürgers in Waffen« in Preußen konnte ihren Zielpunkt in der Stiftung des Eisernen Kreuzes finden, eine Auszeichnung, die an alle preußischen Bürger gleichermaßen verliehen werden konnte. […]
(Vergl. Das Eiserne Kreuz — Zur Geschichte einer Auszeichnung, Text & Materialien /Bd 1, MHM Flugplatz Gatow, 8 bis 9)
Friesen hatte zu den wichtigsten Truppenführern des Freikorps Adolf von Lützow und v. Petersdorff ein enges Verhältnis, was ihn in der historisch kurzen Zeit der Existenz des Korps bis zu seinem Tode begleiten sollte. Eine besondere Rolle im Lebens Friesens spielte Elisa von Lützow, geb. Ahlfeldt (*1788; †1855), die Ehefrau Lützows, der er in der Zeit der Aufstellung des Korps begegnete.
Wohl ein Beispiel einer tiefen platonischen Liebe, die in Briefen Friesens an Elise noch erhalten sind.

[…] Friesen und ihre Neigung trafen sich bald: Elisa sah in Friesen, der Heldentum mit Geist, Einfühlungsvermögen und Zartheit verband, die Erfüllung ihres Wunschbildes, dem ihr tapferer, aber nüchterner und derber Gatte nicht entsprach. So berichtete ihre Freundin, Ludmilla Assing: Elisa und Friesen fühlten sich auf das innigste zueinander hingezogen; […] Immermann, Friesens Nachfolger in Elisens Zuneigung, hat wohl am schönsten dieses zarte Verhältnis in den »Epigonen« ausgedrückt; […] Ja, wenn es eine Liebe hier auf Erden gegeben hat, so habe ich geliebt! […] Stumm war unsere Liebe und ohne Erklärung. Nur als ich ihm beim Abschied die Feldbinde reichte, verstanden sich unsere Blicke. Er zog dahin, und ich sah ihn nicht wieder. […]
(Vergl. »Friedrich Friesen — Ein politisches Lebensbild«, E. Rundnagel, München & Berlin 1936, Verlag R. Oldenbourg,
S. 133)
Dr. Euler beschrieb Friesens Verhältnis zu Frauen folgendermaßen:
[…] Im Umgang mit Frauen und überhaupt in Gesellschaft entfaltete er die liebenswürdigste Frische und Fröhlichkeit. Er war der Froheste von allen und erhöhte den Frohsinn aller. Er bewahrte in Gebärden und Worten seine Würde und achtete dieselbe auch stets in den Frauen. […]
(Vergl. »Friedrich Friesen«, Dr. Carl Euler, Bln 1885, K. Schmidt´s Buchhandlung, S 7)
Zum Verlaufe der Frühjahrskampagne über den Zug des Korps nach Sachsen bis zum Überfall von Kitzen, der Zeit des Waffenstillstandes, der Kämpfe in Norddeutschland wäre eine umfangreiche Schilderung möglich, die aber den Rahmen dieser Arbeit hier sprengen dürfte. Trotz Wille, Wagemut und Tapferkeit vermochte sich das Freikorps nicht deutlich in die Tatentafel des Krieges einzutragen. Lediglich in der Schlacht an der Göhrde, am 16. September 1813, in der auch Carl von Clausewitz focht, erscheinen die Lützower herausragend.
Geprägt von Körners Tod bei Gadebusch und avanciert zum Adjutanten Lützows, befasst sich Friesen nach schleppendem Dasein des Korps mit einer bemerkenswerten Denkschrift. Man sprach nicht mehr von der »verwegenen Jagd« sondern von »Lützows stiller, verlegener Jagd«. Dem schwedischen Kronprinzen mit seiner zaudernden Militärführung unterstellt, dümpelte das hochmobile Freikorps bei langwierigen Vorpostendiensten im südlichen Holstein herum, die die Lützower ermüdeten. Die Disziplin litt unter diesen Umständen.
[…] Innere Gegensätze traten hinzu; neben den von reinster Vaterlandsliebe geleiteten Freiwilligen machten sich jetzt zuchtlose und verbrecherische Elemente breit, die lediglich eingetreten waren in der Hoffnung , ein Freibeuterleben führen zu können. […]
(Vergl. »Friedrich Friesen — Ein politisches Lebensbild«, E. Rundnagel, München & Berlin 1936, Verlag R. Oldenbourg, S. 145 ff)
Intrigantentum im Inneren und von außen waren die Ursachen für Fahnenfluchten und Absatzbewegungen. Die ursprünglich vorhandene hohe Moral der Freiwilligen drohte zu schwinden. Dem stemmte sich Friesen, inzwischen Offizier geworden, mit seiner Denkschrift — vom September 1813 — »Die Ursachen des seit längerer Zeit so häufig gewordenen Zurücktretens vom Lützowschen Freikorps« entgegen.
Darin thematisiert Friesen: — Zusammensetzung des Korps aus Freiwilligen und Angeworbenen. — Rückschläge durch die Niederlage bei Kitzen und durch Mangel an Ausrüstung und Verpflegung. — Austritte aus dem Korps. — Unzweckmäßige Verwendung des Korps. — Abneigung des Königs gegen die Freischar. — Verteidigung Jahns gegen den Vorwurf der revolutionären Gesinnung. — Jahns wahre Absichten. — Ernüchterung der Truppe. — Notwendigkeit der Manneszucht. — Bleibende Bedeutung der Freischar.
(Vergl. »Friedrich Friesen — Ein politisches Lebensbild«, E. Rundnagel, München & Berlin 1936, Verlag R. Oldenbourg, S. 175 ff)
[…] Zum Schluß der Schrift zeigt sich Friesens stark entwickelter Sinn für militärische Zucht und Ordnung. […] Gerade in der Auffassung von der militärischen Zucht wich Friesen stark von seinem Freunde Jahn ab. […]
(Vergl. »Friedrich Friesen — Ein politisches Lebensbild«, E. Rundnagel, München & Berlin 1936, Verlag R. Oldenbourg, S. 148 bis 149)
Lützow und andere Offiziere des Korps unterstützten Friesen, ließen jedoch den schrulligen Jahn links liegen. Sich dieses Umstandes bewußt, bat Jahn Gneisenau am 27. Juli 1813 ihn aus der Schar zu entlassen. Damit trennten sich die Wege von Friesen und Jahn.
Am 30. April 1814 erfolgte die Entlassung der freiwilligen Jäger-Detachements infolge der »Allerhöchsten Kabinets-Ordre« und sie wurden dem Infanterie-Regiment Nr. 25 und dem Ulanen-Regiment Nr. 6 zugeteilt.
Unter der rechten Schulter der Büste ist die Szene von Friesens Tod im Wald von La Lobbe, in den Ardennen, im Jahr 1814 dargestellt. Im Vordergrund ist Friesen abgebildet, wie er von bewaffneten Bauern der Nationalgarde umringt ist. Diese wollen ihn offensichtlich gefangen nehmen, um ihn zum Maire des nächsten Dorfes zu eskortieren. Hinter Friesen ist sein geschwächtes Pferd zu erkennen. Verdeckt im Hintergrund steht der Schäfer, eine Muskete in der Hand, der Friesen hinterrücks erschießen wird.

Über die genauen Todesumstände Friesens gibt es in der Literatur einige Darstellungen, die sich nur in einigen Formulierungen voneinander unterscheiden. Die dargestellten Berichte über diesen Umstand entstammen einer Schilderung des ehemaligen Lützower Freiherrn August von Vietinghoff, der durch einen Zufall im Jahr 1816 auf die Gebeine seines Freundes stieß. Vietinghoff versah als Offizier der Besatzungstruppen in den Jahren 1815/1816 seinen Dienst in den Ardennen. Er hatte wenige Wochen nach des Freundes vermutlichen Tod von diesem tragischen Umstand erfahren. Daraufhin unternahm er die ersten Versuche, den Leichnam des Freundes zu finden und nach Hause zu bringen. Beide Freunde hatten sich das Versprechen abgenommen, den jeweils anderen im Falle des Todes in die Heimat zu bringen.
Im Kreise der Bekannten und Freunde war man beunruhigt und in Sorge. Kein Geringerer als der in Paris lebende Alexander von Humboldt hatte Anteilnahme am Schicksal seines ehemaligen Mitarbeiters und schrieb:
[…] Alle meine ängstlichen Nachforschungen, als die preußischen Truppen siegreich in Paris eingerückt waren, blieben erfolglos. […]
(Vergl. Friedrich Friesen — Ein politisches Lebensbild, E. Rundnagel, München & Berlin 1936, Verlag R. Oldenbourg,
S. 161)
Vietinghoffs Suche war von Erfolg gekrönt, denn ein Untergebener desselben erhielt von einem Einheimischen ein Dienstsiegel der Lützower. Der Franzose berichtete, dass der ehemalige Besitzer des Siegels ein in La Lobbe begrabener preußischer Offizier sei. Vietinghoff soll das Siegel, an Hand einer Kerbe mit der Friesen seine Petschaft gekennzeichnet hatte, dann als dessen erkannt haben. Er suchte darauf hin unverzüglich den Maire von La Lobbe am 5. Dezember 1816 auf, der eine genaue Schilderung des Vorfalles gab.
Die damals handelnden Bauer wurden verhört, und der Mann, der Friesen erschoss, wurde festgesetzt. Diesem gelang jedoch die Flucht. Vietinghoff ließ Gräber auf dem Kirchhof öffnen und trotz Verwesung konnte er die Gebeine Friesens zweifelsfrei anhand den von ihm bekannten markanten Merkmalen am Schädel und Gebiss identifizieren. Was warscheinlich geschehen war, nachdem Friesen von seiner Truppe getrennt wurde, können wir bei Dr. Carl Euler in seinem Buch »Friedrich Friesen« aus dem Jahr 1899 lesen
(Vergl. Vergl. »Turnen ist mehr — …, Hg. Krüger & Stein, Bd. 1, Hildesheim 2014, S. 52)
[…] Er war am 15. März Nachmittags 4 Uhr, als er zurückgeblieben […] in dem etwa eine Viertelstunde vom Dorfe La Lobbe im Ardennendepartment entfernt gelegenen Bois de Huilleux ankam und dort auf zwei Bauern traf, die daselbst Brennholz schlugen. Er forderte sie auf, ihn ins nächste Dorf zum Maire zu bringen, und sie sagten dies zu. Als sie beinahe aus dem Wald daraus waren, begegnete ihnen ein Haufen mit Flinten und Aexten bewaffneter Bauern, eine Streifpartie des von Napoléon aufgebotenen Landsturms (levée en masse). Als sie des feindlichen Offiziers ansichtig wurden, verlangten sie sogleich lärmend von seinen Begleitern seine Auslieferung, welche diese hartnäckig verweigerten. Darüber kam es zum Handgemenge und als Friesen sich tapfer zur Wehr setzte, so schoß einer von ihnen, namens Brodio, ein blödsinniger Schäfer von der Ferme La Puisiuex, seine Flinte auf ihn ab. Die Kugel drang durch die linke Brust, durch das Herz und das linke Schulterblatt. Lautlos ohne Klage sank der Edle todt zu Boden. Die Mörder plünderten den Gefallenen rein aus und ließen ihn ganz nackt liegen. Die beiden Bauern aus La Lobbe machten sofort ihrem Maire Namens Deslyon Anzeige von dem Geschehenem. Eilig begab er sich an Ort und Stelle. Bewundernd stand er vor dem Riesenleib, die edlen, feinen Züge rühren ihn, er meinte nicht anders, wie er später selbst Friesen´s Freund, August von Vietinghoff, gestand, er müsse der preußischen Gefallene fürstlichen Standes sein. Er ließ ihn aufheben, in das Dorf tragen, in einen Sarg legen und am 17. März, Morgens 10 Uhr auf dem dortigen Friedhofe mit allen dabei üblichen Förmlichkeiten, d. h. nach katholischem Ritus mit Gesang begraben. […]
Vietinghoff grub Friesen in Beisein eines Arztes am 5. Dezember 1816 aus und beförderte die Gebeine des Freundes in einem Korb nach Launois – südlich von Raims – um später eine Überführung nach Berlin sowie die Beisetzung der sterblichen Überreste zu realisieren. Vietinghoff schrieb an einen Freund, den Major Helmenstreit, einen ehemaligen Lützower:
[…] Meine Freude und mein Schmerz über den nunmehrigen Besitz dieser teuren und herrlichen Überreste ist überaus und gleich groß […] Es fehlen mir die Worte, um Dir meine Empfindungen in ihrem ganzen Umfange auszudrücken, die mich bei dem Bewußtsein durchdringen, die Gebeine meines Freundes, dessen andenken die Zeit nie und nimmer aus meiner Seele verwischen kann und wird, in meiner Stube zu wissen. […]
(Vergl. Friedrich Friesen — Ein politisches Lebensbild, E. Rundnagel, München & Berlin 1936, Verlag R. Oldenbourg,
S. 162 bis 163)
»In meiner Stube«, was verbirgt sich hinter dieser unscheinbaren, jedoch rätselhaften Formulierung? Vietinghoff informierte Jahn und versprach die Übersendung der Gebeine, wenn er für eine würdige Bestattung sorgen würde. Jahn plante dafür die Hasenheide, die alte Wirkungsstätte der Turner zu Friesens Lebenszeiten. Das Ereignis sollte am 18. Oktober 1817, dem Tag der »Völkerschlacht«, in seiner nationalen Bedeutung vollzogen werden.
Gleichwohl gelang Jahn das nicht, da die Burschenschaftsbewegung vor den Befreiungskriegen sowie die »Umtriebe*« der akademischen Jugend, zurückkehrt aus dem Krieg, beginnend mit 1815 und dem nachfolgenden »Wartburgfest« 1817, zu politischen Reaktionen des preußischen Königs, des Hofes und einzelner reaktionärer Regierungsmitglieder führten.
* »Umtriebe«: In der Brockhaus Encyklopädie, Ausgabejahr 1827, lesen wir:
(Vergl. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie für die gebildeten Stände. …, Band 11, Leipzig-Brockhaus, 1827,
S. 472)Bereits 1800 erschien Jahns erster schriftstellerischer Versuch, der dem engeren Vaterland galt. Es war die Schrift »Über die Beförderung des Patriotismus im Preußischen Reiche«, mit der Intention und Streben Jahns nach deutscher Einheit begann. Das jedoch den Widerspruch führender Kräfte Preußens und Österreich hervorrief, was zu den »Karlsbader Beschlüssen« vom 6. bis 31. August 1819 in Karlsbad führte. Es war die geradlinige Reaktion des preußischen Staates auf das Zusammentreffen der Studenten auf der Wartburg, später dann in Hambach, unter denen die Mehrheit ehemalige Kämpfer der Kriege von 1813 bis 1815 waren, die politische Forderungen nach Neuordnung Preußens und der anderen deutschen Staaten stellten.
Diese Zeit wird als »Demagogenverfolgung« bezeichnet, die zur Inhaftierung Jahns und anderer Protagonisten führte. An eine öffentliche Beisetzung Friesens war unter diesen Bedingungen lange Jahre nicht zu denken. Vietinghoff bewahrte die Gebeine seines Freundes bis in das Jahr 1843 in seinem Haushalt, also rund 29 Jahre, sicher auf. Durch seinen weiteren Dienst als preußischer Offizier wechselte er mehrfach die Standorte, immer mit seinem Freund in einem Koffersarg bei sich.Welchen Beweis für eine Freundschaft kann es noch geben?Der Nachfolger Wilhelm des III., König Friedrich Wilhelm IV., gestattete dann endlich die Beisetzung Friesens für den 15. März 1843, unweit der Grabstelle Scharnhorsts, auf dem Berliner Invalidenfriedhof.[…] Sechzehn Unteroffiziere trugen den Sarg, der mit Lorbeerkranz und Waffenschmuck geziert war, zur Gruft, die in sinniger Weise neben Scharnhorsts Grabe bereit war. […](Vergl. »Friedrich Friesen und die Lützower« E. Heinrich, Stuttgard 1890, Steintopf, S. 150)
Noch einmal zum Verhältnis Friesens zum weiblichen Geschlecht. Eine erstaunliche Beobachtung aus der damaligen Zeit von der in aller Stille durchgeführten Beerdigung, ist überliefert. Freunde und Kameraden hatten Schädel und Gebeine Friesens mit Blumen geschmückt.
[…] Es ist […] erzählt worden, daß bei der Bestattung von Friesens Gebeinen im Jahr 1843 eine tief verschleierte, schwarz gekleidete, allen unbekannte Dame zugegen gewesen sei und sich, als die Feierlichkeit zu Ende war, still wieder entfernt habe. […]
(Vergl. »Friedrich Friesen«, Dr. Carl Euler, Bln 1885, K. Schmidt´s Buchhandlung, S 7)
Ob diese Erscheinung jedoch eine Beziehung zu Friesen hatte, wird wohl ein Rätsel der Geschichte bleiben. Der Magdeburger Lyriker und Dramatiker Karl Leberecht Immermann (*1796;†1840), 1815 Teilnehmer des Krieges gegen Napoléon, setzte Vietinghoff in seinem Roman »Die Epigonen« ob seiner Treue zu Friesen und dessen Liebe zu Elise ein bleibendes Denkmal.

[…] Er zog dahin, und ich sah ihn nicht wieder. […] Sein einziger Wunsch war, in deutscher Erde zu ruhn, er schauderte vor dem Gedanken, fern unter den Fußtritten eines feindlichen Volkes vermodern zu müssen. […] Nicht in einer der großen herrlichen Befreiungsschlachten fiel mein Freund, nein, vereinzelt, seiner Schar nachgeblieben, wurde er von umherstreifendem Gesindel auf fremden Boden erschlagen. […]
(Vergl, »Die Epigonen«, Karl Lebrecht Immermann, Rütten & Loening Verlag Potsdam, sechstes Buch, Medon und Johanna, S. 571 bis 574)
Auf der Rückseite des Grabkreuzes für Friesen ist zu lesen.

Früher als Lehrer ein eifriger Begeisterer der Jugend zur Befreiung des Vaterlandes vom Feindesjoch, fiel er als Mitkämpfer unter den Vaterlandsverteidigern. Restauriert durch die Turner Berlins im Jahre 1872.
Nachzutragen wäre noch, der preußische Oberstleutnant Vietinghoff wurde 1847 auf dem Berliner Friedhof vor dem Halleschen Tor nach seinem Tode beigesetzt. Sein Grab, längst eingeebnet, fiel dem Vergessen anheim.