Teil IX

Das Preu­ßi­sche Offi­ziers­korps am Anfang des 19. Jahr­hun­derts war mehr­heit­lich noch geprägt von der fri­de­ri­zia­ni­schen Zeit. Dass sich die­ser Stand mit den revo­lu­tio­nä­ren Ver­än­de­run­gen im Staats­we­sen Preu­ßens mehr als schwer tat, liegt in der Logik der Dinge.

Die Fol­gen des Okto­ber­edikts von 1807 grif­fen sub­stan­ti­ell in das Adels­ge­fü­ge Preu­ßens ein, da sich die tra­di­tio­nel­le Stan­des­wirt­schaft mas­siv zu ver­schie­ben droh­te. Die Gestat­tung des frei­en Han­dels mit Grund­be­sitz, die Auf­he­bung der Leib­ei­gen­schaft der Bau­ern und der Patri­mo­ni­al­hier­ar­chie rüt­tel­ten an den Grund­pfei­lern der adli­gen Gesell­schaft die­ser Zeit. Das auf­stre­ben­de Bür­ger­tum eröff­ne­te sich mit Fleiß, Ord­nung und Spar­sam­keit die Mög­lich­keit, in die Pha­lanx des alten Adels ein­zu­bre­chen. Der Grund­be­sitz war nicht mehr das ent­schei­den­de Kri­te­ri­um der Macht, son­dern der Besitz frei ver­füg­ba­rer Geldmittel.

Eine beson­de­re Bedro­hung sah der Adel im Auf­tau­chen jüdi­scher Kauf­leu­te in ihren ange­stamm­ten »Jagd­re­vie­ren«, wie wir wei­ter oben bei Achim von Arnim beob­ach­ten konn­ten. Es lag in der Natur der Din­ge, dass der Adel ver­such­te, sich vom Bür­ger­tum all­ge­mein und vom Juden­tum beson­ders abzu­set­zen. F. W. III. spür­te wohl die­se Malai­se und ver­such­te, sein eige­nes Edikt zu rela­ti­vie­ren und durch For­mu­lie­run­gen in sei­ner ihm eige­nen Spra­che abzuschwächen:

»(…) nie­mand sei­ne Ehre gekränkt hal­ten kann (…)«
(Vergl. Kabi­netts­or­der 〈KO〉 vom 3. Sep­tem­ber 1807, nach Zun­kel, Fried­rich: Ehre , Hg. Brun­ner & Otto Bd. 2 S. 37)

Schlag­wor­te wie »rit­ter­li­che, höfi­sche, ade­li­ge Ehre« began­nen an Bedeu­tung zu ver­lie­ren. Die Rol­le des Adels als tra­gen­de Säu­le des Staa­tes war in Gefahr, wie Fried­rich August von der Mar­witz – wir konn­ten das wei­ter oben beob­ach­ten – wahr­schein­lich fürch­te­te. Im Fahr­was­ser die­ser gesell­schaft­li­chen Erschei­nun­gen haben juden­feind­li­che Äuße­run­gen aus dem Krei­se der dama­li­gen Offi­zie­re der unter­schied­lichs­ten Rang­ebe­nen durch­aus Gemein­sam­kei­ten. Die Moti­ve jedes Ein­zel­nen waren in córpore zu betrachten.

»(…) Unter den nach­je­na­i­schen Refor­men, die den preu­ßi­schen Staat restau­rier­ten, ist kei­ne so beju­belt und kei­ne so ver­dammt wor­den wie das Okto­ber­edikt von 1807. Schön fei­er­te in ihm die Magna Char­ta des Staa­tes, wäh­rend Urjun­ker Mar­witz bis­sig mein­te, alle Ideo­lo­gen und Phi­lo­so­phan­ten von der Garon­ne bis zum Nje­men hät­ten ein Lob­lied dar­über ange­stimmt. Die eine Ansicht war so über­trie­ben wie die andere. (…)«
(Vergl. Franz Meh­ring: Das Okto­ber­edikt von 1807, 1 .Okto­ber 1912 in »Die Neue Zeit«, 31. Jg. 1912/​13, Bd. 1, S. 46 bis 55.)

Damit zurück zu Carl von Clau­se­witz, der – wie wir schon fest­ge­stellt haben – nicht zur »Gat­tung Mar­witz« gehör­te. Gleich­wohl ließ auch er sich zu einer bemer­kens­wer­ten Äuße­rung hin­rei­ßen, die auf eine wie auch immer zu ver­ste­hen­de juden­feind­li­che Gemein­sam­keit mit sei­nen Stan­des­ge­nos­sen hin­wei­sen könnte.

Nach­dem die Koali­ti­ons­ar­mee die Schlacht auf dem Mont­mart­re am 30. März 1814 öst­lich von Paris sieg­reich been­det hat­te – es war die letz­te des Win­ter­feld­zu­ges 1814 – schrieb Clau­se­witz am 11. April 1814 aus Tour­n­an, zwei Tages­mär­sche vom Schlacht­feld ent­fernt, an sei­ne Frau Marie:

»(…) Alle Welt ist erstaunt über den Aus­gang der Kata­stro­phe, Bona­par­te ist zäh wie ein Jude und eben­so scham­los. Man hat aber im all­ge­mei­nen gewiß unrecht, ihm per­sön­lich nicht den letz­ten Stoß gege­ben zu haben. (…)«
(Vergl. »Carl und Marie von Clau­se­witz« – Brie­fe, Otto Heusche­le, H. Schaufuß-​Verlag 1935, S. 236) 

Die Alli­ier­ten hat­ten wie­der­um rund 8.200 Mann an Ver­wun­de­ten und Geblie­be­nen zu bekla­gen. Aus den Wor­ten Clausewitz´sprechen Sor­ge und Empö­rung, weil die drei sieg­rei­chen Mon­ar­chen die Cau­sa Napo­lé­on Bona­par­te nicht mit aller Ent­schie­den­heit abschlie­ßen woll­ten. Der Ver­trag von Fon­taine­bleau, der am 11. April 1814 Napo­lé­on zur Abdan­kung zwang, bot – wie die Geschich­te dann ein knap­pes Jahr danach bewies – nicht die Gewähr, Euro­pa von dem »blu­ti­gen und uner­bitt­li­chen Unge­heu­er«, wie E. M. Arndt Bona­par­te in sei­nem Auf­ruf »An die Preu­ßen« Ende Janu­ar 1813 bezeich­ne­te, end­gül­tig zu befreien.

Fon­taine­bleau (1814) Quel­le: Wikipedia

Das »Unge­heu­er« war zwar geschla­gen, aber nicht besiegt. Die groß­zü­gi­gen Dota­tio­nen für Bona­par­te, die Insel Elba und 1.000 Mann Gar­de, auf­ge­wen­det durch die fran­zö­si­sche Staats­kas­se, geba­ren dann die berühm­ten »100 Tage« mit der Schlacht bei Water­loo und das Fina­le für den »Schlach­ten­len­ker«. Die­ses Ereig­nis for­der­te erneut rund 21.000 tote und ver­wun­de­te Preu­ßen. Allein in dem unglück­lich ver­lau­fen­den Tref­fen bei Ligny – dem letz­ten Sieg Napo­lé­ons – am Vor­abend des erbit­ter­ten Rin­gens, ver­lor Preu­ßen rund 12.000 Mann. Dar­über berich­te­te Gnei­se­nau an Har­den­berg am 22. Juni 1815.

»(…) Der Feind wag­te nicht zu fol­gen. Wir hat­ten 10 – 12 000 Mann an Toten und Ver­wun­de­ten ver­lo­ren, Gefan­ge­ne fast keine. (…)«
(Vergl. »Gnei­se­nau ein Leben in Brie­fen«, Hg. Dr. Karl Grie­wank, Köh­ler & Amelang/​Leipzig, S. 322)

Aus den Wor­ten Clau­se­witz´ hören wir eher Frust und Schwer­mut als bewuss­te Juden­feind­lich­keit. Umgangs­sprach­lich wer­den sol­che Anwür­fe »zäh wie ein Jude« wohl auch schon dem jun­gen Clau­se­witz, viel­leicht an den Wacht­feu­ern vor Mainz 1793 – wir erin­nern uns – begeg­net sein. Wir ent­schul­di­gen die­sen Satz nicht, son­dern ver­su­chen ihn situa­ti­ons­be­dingt zu ver­ste­hen. Auf eine viel bedenk­li­che­re Ein­las­sung Clau­se­witz´, Juden betref­fend, wer­den wir hier spä­ter noch ein­mal zurückkommen.

Der hier schon erwähn­te Her­mann von Boy­en, Clausewitz´Partner in der MRK, äußer­te sich sehr dezi­diert zum Juden­tum. Sei­ne Erfah­run­gen mit Juden waren geprägt durch Erfah­run­gen, die er im Insur­rek­ti­ons­krieg (1794) gegen Polen mit der Affai­re Kości­usz­ko sam­meln konn­te. Boy­en sah das Jahr 1794 als Gene­ral­ad­ju­tant des Gene­rals F. L. Fer­di­nand von Wildau (*1726; †1794). Sei­ne Refle­xio­nen über die­se Zeit waren geprägt von der damals in Preu­ßen vor­herr­schen­den Mei­nung über die Polen all­ge­mein und über die pol­ni­schen Juden beson­ders. Ver­all­ge­mei­nert kön­nen wir sagen, dass die Denk­wei­se gemein­gül­tig und ver­häng­nis­voll davon aus­ging, dass Polen Juden und Juden Polen waren.

Über den pol­ni­sche Natio­nal­hel­den Andrzej Tade­usz Bona­wen­tura Kości­usz­ko (*1746; †1817) schrieb Boyen:

»(…) Unstrit­tig war Kości­usz­ko ein sehr edler Mann, einer von den weni­gen Polen, die ohne Neben­ab­sicht sich der Sache sei­nes zer­trüm­mer­ten Vater­lan­des widmeten; (…)«
(Vergl. »Erin­ne­run­gen aus dem Leben des Gene­ral­feld­mar­schalls Her­man von Boy­en«, HG D. Schmidt, Brdg. Ver­lags­haus, Bd.1, S. 46)

Boy­en spricht sei­ne Ach­tung aus, die auf tap­fe­re Kriegs­füh­rung Kości­usz­kos zurück-​zuführen ist, äußert aber in glei­chem Atem­zug Miss­trau­en über des­sen Fähig­kei­ten. Hier stig­ma­ti­siert Boy­en in borus­si­scher Art und Weise.

»(…) Je mehr ich über der­ar­ti­ge Din­ge nach­den­ken lern­te, immer zwei­fel­haf­ter, ob ihn bei sei­nen Unter­neh­mun­gen wirk­li­ches Feld­her­ren­ta­lent und eine kla­re Absicht sei­ner Ver­hält­nis­se oder die dem pol­ni­schen Natio­nal­cha­rak­ter eigen­tüm­li­che Auf­wal­lung […] leitete. (…)«
(Vergl. »Erin­ne­run­gen aus dem Leben des Gene­ral­feld­mar­schalls Her­man von Boy­en«, Hg. D. Schmidt, Brdg. Ver­lags­haus, Bd.1, S. 46)

Andrzej Tade­usz Bona­wen­tura Kości­usz­ko Quel­le: Wikipedia

Über die pol­ni­sche Bevöl­ke­rung urteil­te von Boy­en all­ge­mein vor­ein­ge­nom­men und auch abwertend:

»(…) Die Men­ge wech­sel­sei­ti­ger Ange­be­r­ein, wel­che uns bei unse­rem Ein­rü­cken in Polen von den Ein­ge­bo­re­nen selbst zuström­ten, waren ein siche­rer Beweis von der gerin­gen Einig­keit und Vater­lands­lie­be in die­sem zerüt­te­ten Land. (…)«
(Vergl. »Erin­ne­run­gen aus dem Leben des Gene­ral­feld­mar­schalls Her­man von Boy­en«, Hg. D. Schmidt, Brdg. Ver­lags­haus, Bd. 1, S. 47)

Dane­ben lesen wir in Boy­ens Erin­ne­run­gen her­ab­set­zen­de Ein­schät­zun­gen pol­ni­scher Juden, denen er begeg­net war:

»(…) die Juden, wel­che einen bedeu­ten­den Teil der Ein­woh­ner­schaft der Städ­te aus­mach­ten, hiel­ten es aus klu­ger Poli­tik mit uns als den augen­blick­lich Stär­ke­ren, und der übri­ge Teil, der die schlech­ten Hüt­ten, wel­che man Städ­te nann­te, bewohn­te, stand dem Bau­ern­stand in sei­nen Gesin­nun­gen und Sit­ten sehr nahe; einen eigent­li­chen Bür­ger­sinn, der alle Bewoh­ner eines Ortes ver­band, gab es nicht. Schon die gro­ße Anzahl der Juden, wel­che durch ihre List und Geld­mit­tel einen bedeu­ten­den Ein­fluß in der Kom­mu­ne übten, stand der Ein­rich­tung des Bür­ger­tums entgegen. (…)«
(Vergl. »Erin­ne­run­gen aus dem Leben des Gene­ral­feld­mar­schalls Her­man von Boy­en«, Hg. D. Schmidt, Brdg. Ver­lags­haus, Bd. 1, S. 49)

Wir wis­sen aber, dass Boy­en neben Scharn­horst u. a. Mit­un­ter­zeich­ner des Gut­ach­tens über Schröt­ters Ent­wurf für das Eman­zi­pa­ti­ons­edikt war. Unter die­sen Bedin­gun­gen hat­te er sich den har­den­ber­gi­schen Refor­men for­mal gebeugt. In sei­nen Erin­ne­run­gen beschreibt Boy­en unter dem 1. August 1835, also run­de 23 Jah­re nach dem Inkraft­tre­ten des Edik­tes, sei­ne dama­li­gen Beweggründe:

»(…) Ein unter dem 11. März 1812 gege­be­nes Edikt gab den bis dahin im preu­ßi­schen Staat unter man­cher­lei Druck ste­hen­den Juden den größ­ten Teil der bür­ger­li­chen Rech­te und wur­den der Gegen­stand eines augen­blick­li­chen Lär­mes, den eben­so christ­li­che Vor­ur­tei­le als christ­li­cher Han­dels­neid erzeug­te. Daß der Zweck des Geset­zes gerecht und also wahr­haft christ­lich war, bedarf wohl kei­nes wei­te­ren Bewei­ses. Es war indes, da der Gesetz­ge­ber auch die im Volk herr­schen­den Vor­ur­tei­le beach­ten soll, der Sprung viel­leicht auf ein­mal zu groß; doch muß man dabei nicht ver­ges­sen, daß der Staat damals unauf­hör­lich Geld brauch­te und daß die Juden bei augen­blick­li­cher Ver­le­gen­heit dies noch am bes­ten her­bei­schaf­fen konn­ten; auf die­sem Weg wenigs­tens hat in einer min­der beschränk­ten Zeit Roth­schild von bei­na­he allen christ­li­chen Mäch­ten Rit­ter­or­den und Baro­nien erhalten. (…)«
(Vergl. »Erin­ne­run­gen aus dem Leben des Gene­ral­feld­mar­schalls Her­man von Boy­en«, Hg. D. Schmidt, Brdg. Ver­lags­haus, Bd. 1, S. 356 – 357)

Boy­en bedient hier in sei­nen Erin­ne­run­gen das typi­sche Bild über die preu­ßi­schen Juden die­ser Zeit, obwohl er die Not­wen­dig­keit des Edik­tes for­mal ein­räumt. Aller­dings erscheint sei­ne Begrün­dung für die Not­wen­dig­keit des Edik­tes dann doch wie­der stig­ma­tisch unter Ver­wen­dung des Begriffs Roth­schild, der jedoch im Jahr 1812 noch kein her­aus­ra­gen­de Name war. Erst zum Zeit­punkt der Nie­der­schrift sei­ner Erin­ne­run­gen spiel­te Roth­schild eine bedeu­ten­de Rol­le in der deut­schen Finanzwelt.

Amschel May­er von Roth­schild (*1753; †1855) 1817 in Öster­reich geadelt Quel­le: Wikipedia

Scharn­horst for­mu­lier­te das Ziel der »Mili­tär­re­form« in Preu­ßen, indem er sich mit Gnei­se­nau, Boy­en, Grol­man und Clau­se­witz u. a. an der Reform Betei­lig­ten in Ein­klang befand:

»(…) Der Geist der Armee ist zu erhe­ben, die Armee und Nati­on inni­ger zu ver­ei­nen, und ihr die Rich­tung zu ihrer wesent­li­chen gro­ßen Bestim­mung zu geben, dies ist das Sys­tem, wel­ches bei den neu­en Ein­rich­tun­gen zum Grun­de liegt. (…)«
(Von Scharn­horst; Pri­va­te und dienst­li­che Schrif­ten. Bd. 5 – Lei­ter der Mili­tär­re­or­ga­ni­sa­ti­on (Preu­ßen 1808 bis 1809), S. 677)

Ein­gangs unter­stri­chen wir: »Der Leh­rer und Freund Clau­se­witz´, Ger­hard David von Scharn­horst, for­mu­lier­te in zwei Schrif­ten, »Vor­läu­fi­ger Ent­wurf der Ver­fas­sung der Reser­ve­ar­mee vom August 1807« sowie »Vor­läu­fi­ger Ent­wurf zur Ver­fas­sung der Pro­vin­zi­al­trup­pen vom 15. März 1808«, jeweils im §1 der Entwürfe«:

»§ 1 Alle Bewoh­ner des Staa­tes sind gebo­re­ne Ver­tei­di­ger desselben.«

Die­sen pro­gram­ma­ti­schen Leit­satz ver­su­chen wir hier als Grund­la­ge zu neh­men, um zu beur­tei­len, inwie­weit Scharn­horst sich zu Fra­gen der Eman­zi­pa­ti­on der preu­ßi­schen Juden geäu­ßert oder fest­ge­legt hat.

Ger­hard Johann David von Scharn­horst (*1755; †1813) Quel­le: Wikipedia


Soweit wir die Denk­schrif­ten Scharn­horsts beur­tei­len kön­nen, sind in kei­nem Fall Begrif­fe wie »Jude« oder »jüdisch« oder Bedeu­tungs­glei­ches nach­weis­bar. Auch aus dem dienst­li­chen und pri­va­ten Schrift­ver­kehr ist nichts der­glei­chen ersicht­lich. Offen­sicht­lich hat sich Scharn­horst nicht auf eine Pole­mik zu die­ser Fra­ge ein­ge­las­sen. Wir kön­nen hier viel­leicht den gerad­li­ni­gen Cha­rak­ter des Man­nes erkennen.

In sei­ner Schrift »Über das Leben und den Cha­rak­ter von Scharn­horst« for­mu­liert Carl von Clau­se­witz über »Sein Herz«:

»(…) Scharn­horst war ein höchst leben­dig und zart füh­len­der, ja ein durch­aus wei­cher Mensch, und wenn die­ses Vor­wal­ten des Gefühls ihn in sei­nem öffent­li­chen Leben nicht zur Schwä­che führ­te, so war es nur Fol­ge der Über­le­gung und eines künst­lich her­vor­ge­brach­ten gebrach­ten Gleich­ge­wichts. In der Tie­fe des Her­zens Gerech­tig­keit, Red­lich­keit, Unbe­stech­lich­keit; in allen Äuße­run­gen des Umgangs in und außer dem Geschäfts­le­ben Nach­sicht und Dul­dung, Ruhe und Freundlichkeit; (…)«
(Vergl. »Über das Leben und den Cha­rak­ter von Scharn­horst«, Jun­ker & Dünn­haupt 1935, Hg. E. Kes­sel, S. 40)

Mög­li­cher­wei­se ist das einer von zwei Grün­den der Zurück­hal­tung Scharn­horsts zu Fra­gen des Stan­des der Juden in Preußen.

Auch sein Ver­hält­nis zum Adel – obwohl dort teil­wei­se juden­feind­li­che Sich­ten vor­herrsch­ten – wirk­te sich nicht offen ableh­nend auf jüdi­sche Bür­ger Preu­ßens aus.

»(…) Scharn­horsts per­sön­li­che Bezie­hung zum Adel der Armee und des Guts­be­sit­zes waren viel­fäl­tig. Mit Gene­ral von Rüchel, dem Clau­se­witz einen preu­ßi­schen Trotz „wie eine kon­zen­trier­te Säu­re“ nach­sag­te, stand er in einem respek­ta­blen dienst­li­chen Kon­nex, eben­so zuletzt mit dem Eisen­fres­ser Yorck und mit den ost­preu­ßi­schen Doh­nas ver­ban­den ihn fami­liä­re Sympha­ti­en. Die­se Rei­he lie­ße sich noch wei­ter fort­set­zen und auch auf die Mit­glie­der des Königs­hau­ses ausdehnen. (…)«
(Vergl. »Scharn­horst Geist und Tat« Hg. Sieg­fried Fied­ler Maximilian-​Verlag 1963, S. 173)

Der zwei­te nach unse­rer Ansicht bedeu­ten­de­re Grund ist die aus­ge­präg­te Inten­ti­on Scharn­horsts, die sich ziel­ori­en­tiert auf die Her­stel­lung eines poli­ti­schen Bünd­nis­ses zwi­schen Regie­rung und Nati­on rich­te­te. In dem bereits erwähn­ten vor­läu­fi­gen Ent­wurf zur Ver­fas­sung der Pro­vin­zi­al­trup­pen vom 15. März 1808 lesen wir:

»(…) Es scheint bei der jet­zi­gen Lage der Din­ge dar­auf anzu­kom­men, daß die Nati­on mit der Regie­rung aufs Innigs­te ver­ei­nigt wer­de, […] Die­ser Geist kann nicht ohne eini­ge Frei­heit in der Her­bei­schaf­fung und Zube­rei­tung der Mit­tel zu Erhal­tung der Selbst­stän­dig­keit statt­fin­den. Wer die­se Gefüh­le nicht genießt, kann auf sie kei­nen Wert legen und nicht für sie aufopfern. (…)«
(Vergl. »Scharn­horst Aus­ge­wähl­te Schrif­ten« Hg. Usceck & Gud­zent, MV DDR, S. 245)

In der Inter­pre­ta­ti­on dür­fen wir nicht nur die mate­ri­el­le Sei­te betrach­ten, son­dern müs­sen zuvör­derst den ideel­len Wert des Gele­se­nen wür­di­gen. Offen­sicht­lich macht Scharn­horst von vorn­her­ein kei­ner­lei Unter­schie­de zwi­schen Stän­den und vor allem zwi­schen den Reli­gio­nen. Wir sehen aber auch kei­ne beson­de­re Erwäh­nung eine Mili­tär­pflicht für Juden betref­fend. Eben­so fehlt hier eine mög­li­che Opti­on für jüdi­sche Offi­zie­re. Damit geht Scharn­horst der dann zu erwar­ten­den Oppo­si­ti­on im Adel aus dem Weg. Der Absicht Scharn­horsts, dem Bür­ger­tum Ein­tritt in das Offi­ziers­korps zu ermög­li­chen, hät­te das kon­tra­pro­duk­tiv gegen­über­ge­stan­den. Hier stell­te Scharn­horst offen­sicht­lich prak­ti­sche Not­wen­dig­keit über even­tu­el­le vor­han­de­ne Ver­nunft­s­grün­de. Sei­ne ganz pri­va­te Mei­nung ist – wie bereits beschrie­ben – nicht überliefert.

Aller­dings deu­tet alles dar­auf hin, dass die Libe­ra­li­sie­rung der Reli­gi­ons­fra­ge bewusst erfolg­te. In der Neu­fas­sung der »Ver­ord­nung wegen der mili­tä­ri­schen Stra­fen«, lt. »Imme­diat­be­richt der Militär-​Reorganisationskommission« vom 8. Juni 1808, fehlt der Reli­gi­ons­be­zug gänz­lich. Im Gegen­satz dazu fin­den wir in den 1797 (nach der Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on 1789 bis 1799) neu for­mu­lier­ten Kriegs­ar­ti­keln im Arti­kel 1 noch den Ver­weis auf die christ­li­che Sit­ten­leh­re und deren Ein­hal­tung als Grund­wert für den preu­ßi­schen Soldaten:

»(…) Ein jeder Sol­dat muß ein christ­li­ches und tugend­haf­tes Leben füh­ren, die ihm nach sei­ner Reli­gi­on obwal­ten­den Pflich­ten sorg­fäl­tig erfül­len und aller sol­cher Hand­lun­gen, wodurch sei­ne Reli­gi­on ent­eh­ret wird, sich gänz­lich enthalten. (…)«
(Vergl. »Erläu­te­run­gen der Kriegs­ar­ti­kel für die König­li­chen Preu­ßi­schen Unter­of­fi­ci­rs und gemei­nen Sol­da­ten«, Gehei­mer Kriegs­rath Cavan, Ber­lin den 20. März 1797)

Der Prag­ma­ti­ker Scharn­horst erkann­te auch, dass ein wirk­sa­mes Sys­tem von Beloh­nun­gen in der neu­en Armee wir­ken soll­te. Sei­ne Kom­mis­si­on for­cier­te neben Vor­schlä­gen für ideel­le und mate­ri­el­le For­men auch die Ver­sor­gung der Hin­ter­blie­be­nen der Sol­da­ten, die ihr Leben gaben. Und erst­mals in der preu­ßi­schen Mili­tär­ge­schich­te soll­ten die Ehrun­gen geblie­be­ner Sol­da­ten nament­lich in den Kir­chen erfol­gen. In den Mit­schrif­ten über die Bera­tun­gen der MRK 1807, die Major Grol­mann ver­fasst hat­te, lesen wir:

»(…) In der Kir­che jedes Namen , der vor dem Feind geblie­ben oder an sei­nen Wun­den gestor­ben ist, mit gol­de­nen Buch­sta­ben auf­ge­zeich­net […] die Frau­en die­ser Geblie­be­nen erhal­ten den ers­ten Platz. (…)«
(Vergl. »Scharn­horst Sol­dat • Staats­mann • Erzie­her«, Hg R. Höh­ne, Bern­hard & Grae­fe Ver­lag, S. 208)

Am 5. Mai 1813, zu Dres­den, im Früh­jahrs­feld­zug des Jah­res, wur­de die »Ver­ord­nung über die Stif­tung eines blei­ben­den Denk­mals für die, so im Kamp­fe für Unab­hän­gig­keit und Vater­land blie­ben.« in Preu­ßen durch F. W. III. in Kraft gesetzt. Dar­in lesen wir:

»(…) §. 1. Jeder Krie­ger, der den Tod für das Vater­land in Aus­übung einer Hel­den­t­hat fin­det, die ihm nach dem ein­stim­mi­gen Zeug­nis sei­ner Vor­ge­setz­ten und Kame­ra­den den Orden des eiser­nen Kreu­zes erwor­ben haben wür­de, soll durch ein auf Kos­ten des Staats in der Regi­ments­kir­che zu errich­ten­des Denk­mal auch nach sei­nem Tode geehrt wer­den. […] §. 3. Außer­dem soll für Alle, die auf dem Bet­te der Ehre star­ben, in jeder Kir­che eine Tafel auf Kos­ten der Gemein­den errich­tet wer­den, mit der Auf­schrift: Aus die­sem Kirch­spie­le star­ben für König und Vater­land; unter die­ser Auf­schrift wer­den die Namen aller zu dem Kirch­spiel gehö­rig gewe­se­nen Gefal­le­nen ein­ge­schrie­ben. Oben an die, wel­che das eiser­ne Kreuz erhal­ten, oder des­sel­ben wür­dig gewe­sen wären. (…)«
(Vergl. »Der preu­ßi­sche Ordens­he­rold«, F. W. Hoff­mann, 1868, Ber­lin, Mitt­ler Ver­lag, S. 101)

Auch hier fehlt der aus­drück­li­che Ver­weis auf die christ­li­chen Kir­chen. Gespro­chen wird von »Kirch­spie­len«. Jüdi­sche Gemein­den in Preu­ßen konn­ten womög­lich dem fol­gen, wenn die zustän­di­gen Rab­bi­ner von Sei­ten der Regie­rung der Pro­vinz dazu die Appro­ba­ti­on erhal­ten hät­ten. In christ­li­chen Kir­chen lie­ßen sich lan­ge Zeit – bis in unse­re Tage – noch der­ar­ti­ge Gedenk­ta­feln finden:

Gedächt­nis­ta­fel der St.-Thomas-Kirche in Kreuz­horst bei Mag­de­burg mit den Namen von drei Gefal­le­ne von 1813 Quel­le: Volks­stim­me 26. Janu­ar 2018

In jüdi­schen Syn­ago­gen in Preu­ßen, soweit sie nach 1945 noch bestehen, las­sen sich Tafeln aus der Zeit der Befrei­ungs­krie­ge schwer fin­den, obgleich es sol­che mög­li­cher­wei­se durch­aus gege­ben haben könn­te. In jedem Fal­le wird das Toten­ge­bet »El male racha­mim« (Gott vol­ler Erbar­men) für die Kame­ra­den Aarons, die nicht nach Hau­se zurück­ge­kehrt waren, gespro­chen wor­den sein.

Scharn­horst trat vehe­ment für »glei­che Pflich­ten und glei­che Rech­te aller Staats­bür­ger« ein. Hier stell­te er sich nicht gegen eine Kon­skrip­ti­ons­pflicht für jüdi­sche Bür­ger. For­de­run­gen an die Juden wie äuße­re Anpas­sung an Sit­ten und Moden, z. B. das Sche­ren des Bar­tes u. Ä. wer­den wir bei Scharn­horst nicht fin­den. Sicher­lich war aber auch der gro­ße Refor­mer mit einer schritt­wei­sen Amal­ga­mo­ti­on, sprich: einer Kon­ver­si­on zum Chris­ten­tum mit dem Ziel einer voll­stän­di­gen Gleich­stel­lung der Juden als Bür­ger Preu­ßens ein­ver­stan­den. Unnach­gie­big­keit erken­nen wir jedoch in allen Fra­gen der Pflich­ten der zukünf­ti­gen Bür­ger Preu­ßens, ohne Rück­sicht auf Stand und Her­kunft. Scharf ver­ur­teil­te Scharn­horst die vor­herr­schen­de Pra­xis des »Frei­kau­fens« vom Mili­tär­dienst. In einer Bei­la­ge zu einem Bericht vom 22. Novem­ber 1810 über die »Unzu­läs­sig­keit der Stell­ver­tre­ter« lesen wir:

»(…) Es ist ohne Zwei­fel eine har­te Sache für die gebil­de­te Klas­se, wel­che kei­nen Stell­ver­tre­ter stel­len kann, […] sehen müs­sen, daß der rei­che­re unge­bil­de­te Bau­er, Wirth, Päch­ter, Bäcker, Brau­er, Krä­mer, Wuche­rer usw. einen Stell­ver­tre­ter von der schlech­tes­ten Her­kunft, neben ihrem Mit­glied, neben ihren Söh­nen und Geschwis­tern stellt. (…)«
(Vergl. Scharn­horst über die »Unzu­läng­lich­keit der Stell­ver­tre­ter« in »Scharn­horst aus­ge­wähl­te mili­tä­ri­sche Schrif­ten«, Hg. Usc­zeck & Gud­zent, MV, 1986, S. 304)

Wir sto­ßen hier auf den Begriff des »Wuche­rers«, der gemein­hin für den jüdi­schen Kauf­mann in Preu­ßen ver­wen­det wur­de. Ob jedoch Scharn­horst hier die­sen Begriff als Para­phra­se dafür gemeint haben woll­te, wis­sen wir nicht. Gleich­wohl bot der Begriff an sich durch­aus den Vor­wand für unab­sicht­li­ches oder gar gewoll­tes Miss­ver­ständ­nis. Hier, so ist anzu­neh­men, dürf­te Carl von Clau­se­witz in den zen­tra­len Punk­ten rezi­piert haben.

Scharn­horst dien­te Preu­ßen, obwohl er – gebo­ren im Han­no­ver­schen Bor­den­au – ein »Aus­län­der« war, mit vol­ler Hin­ga­be. Sei­ne in der Schlacht bei Groß­gör­schen erhal­te­ne Wun­de ver­an­lass­te ihn nicht, sich zu scho­nen. Sein Auf­trag, Öster­reich zur akti­ven Teil­nah­me zum Kampf gegen Napo­lé­on zu bewe­gen, war ihm Ver­pflich­tung. Er starb am 28. Juni 1813 am Wundfieber.

Scharn­horst war der »Leucht­turm« in der preu­ßi­schen Mili­tär­ge­schich­te. Sein Schü­ler Carl von Clau­se­witz schrieb:

»(…) Was ich über die Füh­rung des Krie­ges im Jahr 1813 von ihm gehört, was ich bei Gör­schen auf dem Schlacht­fel­de von ihm gese­hen, hat mich in die­ser Mei­nung nur befes­tigt, und ich bezweif­le es kei­nen Augen­blick, daß, wenn es ihm gelun­gen wäre, den Befehl über ein gro­ßes Heer zu errin­gen, wie es ihm gelun­gen war, sich an die Spit­ze des preu­ßi­schen Kriegs­staa­tes zu stel­len, er in jener Lauf­bahn die Welt eben­so in Erstau­nen gesetzt haben wür­de wie in dieser. (…)«
(Vergl. »Über das Leben und den Cha­rak­ter von Scharn­horst«, Jun­ker & Dünn­haupt 1935, Hg. E. Kes­sel, S. 47)

Denk­mal für Scharn­horst in Groß­gör­schen Quel­le: Stadt Lützen.de

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Fort­set­zung Teil X