Altenzaun 1806 — … mit dem Mut der Verzweiflung.

»Mehr als ein König ist unter­ge­gan­gen, weil er den Krieg lieb­te; ich wer­de unter­ge­hen, weil ich den Frie­den liebe.«
König Fried­rich Wil­helm III. von Preu­ßen (*3. August 1770 in Pots­dam; †7. Juni 1840 in Berlin)

Ein knap­pes Jahr nach dem Tri­umph Napo­lé­ons bei Aus­ter­litz (2. Dezem­ber 1805) sieg­te der Kai­ser der Fran­zo­sen am 14. Okto­ber 1806 über die Preu­ßen in einer Dop­pel­schlacht. Bei AUERSTEDT wur­den 54.000 Preu­ßen durch 26.000 Fran­zo­sen geschla­gen. Bei JENA tri­um­phier­te Bona­par­te mit 56.000 Mann über 50.000 Preu­ßen. Der erzwun­ge­ne Rück­zug der Preu­ßen ging in eine panik­ar­ti­ge Flucht über.

Sel­ten in der Mili­tär­ge­schich­te ist eine Armee so jäm­mer­lich zusam­men­ge­bro­chen wie die preu­ßi­sche damals. Schon am Tage nach Jena kapi­tu­lier­te ERFURT. Eine Woche dar­auf fiel die Fes­tung SPANDAU, am 29. Okto­ber STETTIN, am 8. Novem­ber MAGDEBURG.

Clau­se­witz spricht von der natür­li­chen Schwä­che und wah­ren Scham­lo­sig­keit so man­cher Kommandanten.
Vergl. Clau­se­witz »Preu­ßen in sei­ner gro­ßen Kata­stro­phe«, Karo­lin­ger 2001, S. 159

In den Okto­ber­ta­gen die­ses Jah­res starb die his­to­ri­sche Legen­de von der Unbe­sieg­bar­keit der preu­ßi­schen Armee, so wie die Geschich­te, die sich –anleh­nend an den »Alten Fritz« – weben konn­te. Eine der Ursa­chen für die fol­gen­schwe­re Nie­der­la­ge der Preu­ßen bei Jena und Auer­stedt in die­sem Jahr war wohl – neben ande­ren, über die noch zu reden sein wird – der inne­re Zustand der dama­li­gen preu­ßi­schen Truppen.

Gene­ral­feld­mar­schall Alfred Graf von Schlief­fen (*28. Febru­ar 1833 in Ber­lin; †4. Janu­ar 1913) beur­teil­te in sei­nen Schrif­ten das wie folgt:

[…] Den Sol­da­ten war stets ein­ge­schärft wor­den, daß sie unüber­wind­lich sei­en. Wenn sie nur das genau aus­füh­ren wür­den, was auf dem Exer­zier­platz ein­ge­übt wur­de, soll­te ihnen der Sieg gewiß sein. Mit freu­di­ger Zuver­sicht waren sie in die Schlacht gegan­gen. Eben­so wie bei einer Revue mit wun­der­ba­rer Genau­ig­keit aller Bewe­gun­gen waren sie avan­ciert, tadel­los waren die Sal­ven abge­ge­ben. Ein unsicht­ba­rer Feind hat­te sie jedoch mit Infan­te­rie­feu­er und Kar­tätschla­gen über­schüt­tet. Stun­den­lang hat­ten sie die immer stei­gen­den Ver­lus­te ertra­gen, uner­schüt­tert hat­te die Linie gestan­den. Die Lücken, wel­che die feind­li­chen Geschos­se geris­sen, wur­den aus dem 2. und 3. Glied aus­ge­füllt. Da, die Muni­ti­on ging schon zu Ende, dran­gen die feind­li­chen Mas­sen, eine furcht­ba­re Über­le­gen­heit, vor. Die weit über­ra­gen­den Flü­gel droh­ten die Flan­ken zu erdrü­cken, bis in den Rücken vor­zu­kom­men. Nun wand­te sich ein Batail­lon nach dem ande­ren. Gegen die­sen Feind war nichts zu machen. Nichts von dem, was die Offi­zie­re gesagt hat­ten, war zuge­trof­fen. Das Ver­trau­en zu den Füh­rern, zu sich selbst war dahin. Es blieb nichts übrig, als das Leben zu ret­ten. In die­ser Stim­mung wur­de der Rück­zug angetreten.[…]
Ver­glei­che: Gene­ral­feld­mar­schall Graf Alfred von Schlief­fen, Gesam­mel­te Schrif­ten, Bln 1913, Bd 2, S. 189

Der Preu­ßi­sche König Fried­rich Wil­helm III. (*3. August 1770; †7. Juni 1840) wird gezwun­gen sein, mit dem Ortel­bur­ger Publi­can­dum vom 1. Dezem­ber 1806 – […] wegen Abstel­lung ver­schie­de­ner Miß­bräu­che bei der Armee […] – ins­be­son­de­re über das dama­li­ge Offi­zier­korps und die Gene­ra­li­tät Gericht zu halten.

Mit einer sat­ten Selbst­über­schät­zung der über­al­ter­ten preu­ßi­schen Gene­ra­li­tät, gepaart mit Über­heb­lich­keit eini­ger jün­ge­rer Offi­zie­re – die ihre Degen auf den Stu­fen der fran­zö­si­schen Gesand­schaft wetz­ten – zogen rund 100.000 Mann gegen Napo­lé­on. Der König höchst­selbst – mit flau­em Gefühl im Magen zwar – führ­te die fri­de­ri­zia­ni­schen Legen­den wie den 71-​jährigen Gene­ral­feld­mar­schall Fer­di­nand von Braunschweig-​Lüneburg, sowie den 82-​jährigen Hel­den von Leu­then, den Gra­fen von Möl­len­dorf, den Fran­zo­sen entgegen.

Die Preu­ßen erlit­ten eine kata­stro­pha­le Nie­der­la­ge, in der die eige­nen Ver­lus­te die Zahl von 24.000 an Toten und Ver­wun­de­ten wohl über­stie­gen. Die Zahl der Deser­teu­re noch nicht mal ein­ge­rech­net, damit die Ver­lus­te der Fran­zo­sen sicher um das Drei­fa­che über­stei­gend. 20 preu­ßi­sche Gene­ra­le waren gefal­len, ver­wun­det oder gefan­gen. Es folg­te eine chao­ti­sche Auf­lö­sung der Trup­pen nach einer stra­te­gi­sche Fehl­leis­tung als Resul­tat der Unter­schät­zung der napo­léo­ni­schen Fähig­keit und deren neu­ar­ti­gen Kriegs­füh­rung. Die Fran­zo­sen mar­schier­ten wesent­lich schnel­ler – bis acht Mei­len am Tag – als die Preu­ßen, führ­ten das zer­streu­te Gefecht gegen die geg­ne­ri­schen Lini­en, mas­sier­ten punk­tu­ell das Feu­er der Artil­le­rie und stie­ßen dann mit ihren Angriffs­ko­lon­nen in die Tie­fe der preu­ßi­schen Lini­en. Sie zer­trüm­mer­ten so den tak­ti­schen und ope­ra­ti­ven Auf­bau ihres Gegners.

Gnei­se­nau (*27. Okto­ber 1760; †23. August 1831) erin­ner­te sich in einem Brief vom 31 März 1807 an sei­ne Brief­freun­din, Frau von Trütz­schler:

[…] Bei Saal­feld bekam ich einen Schuß ans Bein. … Ich mach­te mei­nen Rück­zug hin­kend. Bei Jena focht ich zu Pfer­de und stell­te noch letz­te Trup­pen aus, aber zuletzt lief ich mit den ande­ren davon, in guter Gesell­schaft mit Fürs­ten und Prin­zen. Bei Nord­hau­sen focht ich wie­der und schlich mich am Ende durch den Harz, abge­schnit­ten von allen, kam aber am Ende zu den übri­gen Davon­ge­lau­fe­nen. Das war ein Greu­el! Tau­send­mal lie­ber ster­ben, als als dies wie­der. erleben. […]
Ver­glei­che: Gnei­se­nau »Ein Leben in Brie­fen«, Gri­wank, Koeh­ler & Amelang/​Leipzig, S. 58

Am 27. Okto­ber geriet der Stabs­ka­pi­tän Carl von Clau­se­witz (*1.Juli 1780; †16. Novem­ber 1831) als Adju­tant des Prin­zen August von Preu­ßen (*19. Sep­tem­ber 1779; †19. Juli 1843) in Rück­zugs­ge­fech­ten bei Prenz­lau in Gefan­gen­schaft, nach­dem das Neu­rup­pi­ner Gre­na­dier­ba­tail­lon, geführt vom Prin­zen August, auf­op­fe­rungs­voll und stand­haft gekämpft hat­te. Ab Dezem­ber 1806 wur­de Prinz August mit sei­nem Adju­tan­ten in Frank­reich inter­niert. Clau­se­witz fasst spä­ter den wesent­li­chen Kern der tra­gi­schen Ereig­nis­se des 14.Oktober1806 in sei­nen his­to­ri­schen Brie­fen über die Ereig­nis­se der dama­li­gen Kata­stro­phe in einer Quint­essenz zusammen.

Vergl: »C. v. Clau­se­witz his­to­ri­sche Brie­fe über die gro­ßen Kriegs­er­eig­nis­se im Okto­ber 1806«, Nie­mey­er, Dümm­ler, Anhang

Die Schlacht am 14. Okt. 1806 sowie das Unver­mö­gen der preu­ßi­schen Füh­rung, einen geord­ne­ten Rück­zug und ein Lösen vom Geg­ner durch­zu­füh­ren, um eine stand­haf­te Ver­tei­di­gung zu orga­ni­sie­ren, beur­teilt C. v. Clau­se­witz bereits zwei Mona­te nach Jena und Auer­stedt in Brie­fen an »Miner­va«.
Miner­va. Ein Jour­nal his­to­ri­schen und poli­ti­schen Inhalts/​Archenholz, Ham­burg 1807

[…] Man woll­te es ver­mei­den, sich mit geschla­ge­nen Trup­pen von neu­em in ein Gefecht ein­zu­las­sen; daher die star­ken Mär­sche, daher die Umwe­ge. Dies muß­te ins Ver­der­ben füh­ren. Mög­lich war die Ret­tung bloß durch die ent­ge­gen­ge­setz­ten Mit­tel: wenn man nach einem, höchs­ten zwei Mär­schen die Armee wie­der sam­mel­te, und mit dem weni­gen, was man gesam­melt hat­te, sich den gera­den Weg da bahn­te, wo man Wider­stand fand. Dazu gehört nichts, als der Mut der Ver­zweif­lung. … e r w a r e s a l l e i n der dem Feld­herrn hier übrig blieb, und für außer­or­dent­li­che Fäl­le gehö­ren außer­or­dent­li­che Entschlüs­se. […]
Vergl: Carl von Clau­se­witz über die gro­ßen Kriegs­er­eig­nis­se im Okto­ber 1806, Nie­mey­er, Dümm­ler, S. 60

In sei­nem Werk »Vom Krie­ge«, im Drit­ten Buch, Kap. 6, kommt Clau­se­witz auf die­ses The­ma zurück.

Scharn­horst (*12. Novem­ber 1755; †28. Juni 1813), Teil­neh­mer die­ser unglück­li­chen Kam­pa­gnen, war Gene­ral­stabss­chef des Her­zogs von Braun­schweig, der gleich zu Beginn der Kämp­fe schwer ver­wun­det wur­de. Er selbst – auch lädiert — berich­te­te in Brie­fen vom 16. und 18. Okto­ber an sei­ne Toch­ter über hohe Ver­lus­te der Trup­pen bei AUERSTEDT.

[…]… die gan­ze Front in einer Brei­te von 12 Batail­lo­nen und die Tie­fe von 300 Schritt war mit toten Kör­pern ganz dicht besä­et , Kano­nen, Kada­vern von Pfer­den, Geweh­re u. s. w. alles ein durchs ander. … Wir haben sehr vie­le Geblie­be­ne und Verwundete. …

Wir haben kei­nen kom­man­die­ren­den Gene­ral, der nicht ver­wun­det wäre; der Her­zog von Rüchel sehr gefähr­lich. Die älte­ren Gene­ra­le, wel­che in der Linie Stand hiel­ten, haben fast alle was geg­riegt. Die Brü­der des Königs, Wil­helm und Hein­rich, schwer ver­wun­det; Gene­ral Sanitz, Schi­mon­sky und Schack tot, meh­re­re ver­mißt, die auch viel­leicht tot.
Wir haben uns brav genung, aber nicht klug genug geschlagen.[…]
Vergl. »Scharn­horsts Brie­fe«, ers­ter Band, Lin­ne­bach, 1914, bei Mül­ler, S. 287 bis 289

Scharn­horst stieß im Ver­lau­fe des Rück­zu­ges der preu­ßi­schen Trup­pen zu Gene­ral Blü­cher (*1742; †12.1819), den er als Stabs­chef bis nach Lübeck beglei­te­te. Sein Weg dahin führ­te ihn zuvor bei SANDAU über die Elbe.

Nach Abbruch der Gefech­te am Abend des 14. Okto­ber stre­ben die geschla­ge­nen und demo­ra­li­sier­ten Preu­ßen auf ver­schie­de­nen Wegen der stärks­ten Fes­tung Preu­ßens – nach MAGDEBURG – zu. Hof­fend auf Kon­so­li­die­rung der Trup­pen, was nicht gelang. Die Haupt­kräf­te mit dem König Fried­rich Wil­helm III. unter Hohenlohe-​Ingelfingen beweg­ten sich aus dem Raum WEIMAR — AUERSTEDT nach Nor­den über SÖMMERDA, SONDERSHAUSEN und NORDHAUSEN. Dabei lös­te sich der König von der Trup­pe, um sich sel­ber in Sicher­heit zu brin­gen. Die Trup­pen quer­ten den Harz über Neu­stadt, wei­ter nach Hal­ber­stadt in Rich­tung MAGDEBURG. Die Flie­hen­den erreich­ten die Fes­tung zwi­schen dem 18. und 20. Okto­ber mit etwa 30.000 Mann. Die Stadt konn­te die­se Trup­pen weder auf­neh­men noch ver­sor­gen. Da Mar­schall Louis-​Nicolas Davout bei WITTENBERG zwi­schen­zeit­lich die Elbe südlich-​östlich von MAGDEBURG for­ciert hat­te, konn­te Napo­lé­on die Zugän­ge nach BERLIN blo­ckie­ren. Bereits weni­ge Tage spä­ter, am 25. Okto­ber, rück­te Davout in BERLIN ein, gefolgt von Napo­le­on am 27. Oktober.

Damit blieb nur der Weg durch die Ucker­mark nach PRENZLAU und wei­ter nach STETTIN. Dort kam es am 28. Okto­ber 1806 bei PRENZLAU zu Gefech­ten, die Hohen­lo­he erfolg­los führt und kapi­tu­lier­te. Einen Tag spä­ter fiel die Fes­tung Stettin.

Ein Korps der preu­ßi­schen Armee – mit 22.000 Mann – unter dem Her­zog Carl August von Sach­sen Wei­mar han­del­te vor dem 14. Okto­ber, detachiert von den Haupt­kräf­ten, um Streif­zü­ge im mitt­le­ren Main­ge­biet durch­zu­füh­ren. Die­se Akti­on war sinn­los, ohne ope­ra­ti­ven Wert und zeug­te vom Unver­mö­gen der preu­ßi­schen Heer­füh­rung, die Ent­wick­lung auf dem Kriegs­thea­ter ein­zu­schät­zen. Glück oder Unglück? Jeden­falls fehl­ten die­se Trup­pen am 14. Okto­ber auf den Gefechts­fel­dern bei JENA und AUERSTEDT.

Der Her­zog von Braun­schweig hat­te zwar Carl August ange­sichts der dro­hen­den Lage zurück beor­dert, mit einer mäßi­gen Marsch­leis­tung traf die­ser jedoch erst am 15. Okto­ber im Raum ARNSTADT ein. Hier nahm er den desas­trö­sen Aus­gang der Batail­le zur Kennt­nis. Her­zog Carl August fass­te in die­ser Lage einen klu­gen Ent­schluss, der für den Fort­gang der Kam­pa­gne wesent­lich war. Er trat über GOTHA, LANGENSALZA, MÜHLHAUSEN, OSTERRODE den Rück­zug an, ohne sich in die all­ge­mei­ne Flucht ver­wi­ckeln zu lassen.

Das Wei­mar­sche Korps bezog in WOLFENBÜTTEL ein vor­über­ge­hen­des Haupt­quar­tier, zu dem auch Blü­cher stieß. Yorck (*1759, †1830) erschien nicht im Gene­ral­stab. Der alte Knurr­hahn ver­mied es, mit dem Heiß­sporn Blü­cher zusam­men­zu­tref­fen, zu groß waren schon damals die unter­schied­li­chen Cha­rak­ter­ei­gen­schaf­ten und Ansich­ten, den Kampf betreffend.

Der Gene­ral­leut­nant Blü­cher führ­te die Kaval­le­rie der Nach­hut und hat­te am 17. Okto­ber auf Vor­schlag Scharn­horsts die schwe­re Artil­le­rie übernommen.

Scharn­horst schrieb aus LEERE am 20. Okto­ber an den Oberst von Kleist:

[…] Ew Hoch­wohl­ge­bo­ren zei­ge ich hier­durch an, daß ich mit der Kolon­ne, wel­che um den Harz gehen muß­te, weil die schwe­re Artil­le­rie nicht über den sel­ben gehen konn­te, geblie­ben bin, um wo mög­lich alles bei­zu­tra­gen, die Artil­le­rie, an der es uns jetzt man­gelt, zu ret­ten. Der Gene­ral von Blü­cher erbot sich auf mei­ne Vor­stel­lung bei die­ser Artil­le­rie zu blei­ben, er hat­te nur noch weni­ge Trup­pen. Durch vie­le und gro­ße Anstren­gung sind wir jetzt auf 11/​2 Mei­le dies­seits Braun­schweig gekom­men. … N.S. Ich habe mein Pferd in der Schlacht ver­lo­ren und eine Wun­de in der lin­ken Sei­te erhal­ten, die nicht bedeu­tend ist, mir aber den­noch sehr beschwer­lich wird. […]
Vergl. »Scharn­horsts Brie­fe«, ers­ter Band, Lin­ne­bach, 1914, bei Mül­ler, S. 289 bis 290

Das waren 32 Geschüt­ze, zumeist 8- oder 12-​Pfünder sowie schwe­re Hau­bit­zen und eini­ge hun­dert Pfer­de der Bespan­nung, Muni­ti­ons­fahr­zeu­ge, Kar­tu­sch­wa­gen, Lei­ter­wa­gen Feld­schmie­den und Reser­vel­a­fet­ten, die nur sehr schwer über den Harz hät­ten geführt wer­den kön­nen. Daher wähl­te der Gene­ral einen Weg nörd­lich des Har­zes über OSTERODE und WOLFENBÜTTEL, gelang­te so nach einer logis­ti­schen Glanz­leis­tung in acht Tagen an die Elbe, wo er zwi­schen dem 17. und 24. Okto­ber bei SANDAU über die Elbe set­zen konn­te. Bis dahin leg­te er mit glän­zen­der Unter­stüt­zung der Gene­ral­stabs­of­fi­zie­re Thie­le und Boy­en – die als Vor­kom­man­do han­del­ten – etwa 340 km zurück. Thie­le (*1784; †1861) und Boy­en (*1771; †1848) wer­den spä­ter in den Befrei­ungs­krie­gen und danach noch her­vor­ra­gend in Erschei­nung treten.
Vergl: »C. v. Clau­se­witz his­to­ri­sche Brie­fe über die gro­ßen Kriegs­er­eig­nis­se im Okto­ber 1806«, Nie­mey­er, Dümm­ler, drit­ter Brief, S. 54 bis 63

Es zeig­te sich, dass die Trup­pen des Her­zogs von Wei­mar, zusam­men mit der von Blü­cher geführ­ten Artil­le­rie, sich in die­ser kom­pli­zier­ten Lage zur Cré­me de la Cré­me ent­wi­ckeln konn­ten. Mit dem Ent­schluss, sich dem gefähr­li­chen Stru­del der Flucht – der Haupt­kräf­te – zu ent­zie­hen, war man in der Lage, gro­ße Tei­le der Trup­pen, Bewaff­nung und Aus­rüs­tung Preu­ßens zunächst zu ret­ten. Das stell­te ange­sichts der kapi­ta­len Ereig­nis­se vom 14. Okto­ber eine Art Stern­stun­de dar. Das noch fol­gen­de Gefecht bei Alten­zaun, wo vor allem Jäger­trup­pen mit ihrer Art der Gefechst­füh­rung den Rück­zug des Her­zogs von Wei­mar mit Blü­cher erfolg­reich sicher­ten, war eine tak­ti­sche Glanzleistung.

Die vor­han­de­ne Kar­te aus Clau­se­witz´ his­to­ri­schen Brie­fen, über die gro­ßen Kriegs­er­eig­nis­se im Okto­ber 1806, erscheint hier nach­fol­gend, vom Autor grob überarbeitet:

Wir sehen in die­ser Lage einen spä­ter bedeu­tend wer­den­den preu­ßi­schen Offi­zier. Johann David Lud­wig von Yorck, der die Leich­ten Trup­pen des Her­zogs mit sechs Jäger­kom­pa­nien und drei Füsi­lier­ba­tail­lo­nen führ­te. Bemer­kens­wert war die erfolg­rei­che Deckung des Über­set­zens der Preu­ßen über die Elbe bei SANDAU. Yorck war mit der Füh­rung der Arrie­re­gar­de ab dem 21. Okto­ber beauf­tragt und han­del­te in Rich­tung STENDAL. Immer bestand damals die Gefahr, dass das star­ke Soult­sche Korps die Preu­ßen stel­len oder über­flü­geln konnte.

Johann David Lud­wig von Yorck (*1759, †1830) ab 1814 Graf Yorck von War­ten­burg Quel­le: Wickipedia

Blü­cher brach – einen Tag vor dem Wei­mar­schen Korps – von WOLFENBÜTTEL aus in Rich­tung STENDAL auf. Der Marsch ging über den DRÖMLING durch die COLBITZ-​LETZLINGER HEIDE. Die durch­schnit­te­ne Gegend um GARDELEGEN bot für die Yorck­schen Jäger ein vor­züg­li­ches Ter­rain für eine gedeck­te Bewe­gung abseits der fran­zö­si­schen Ver­fol­ger. Blü­cher sel­ber konn­te am 24. Okto­ber noch unbe­merkt von Soult mit 14 Fähr­bo­ten gegen­über des Städt­chens SANDAU, süd­lich HAVELBERG, die Elbe mit der gesam­ten Artil­le­rie über­que­ren. Am fol­gen­den Tag änder­te sich die Lage, die Fran­zo­sen nah­ten. Noch in der Nacht zum 25. setz­te sich das Wei­mar­sche Korps eilig von Stend­al aus nach SANDAU in Bewe­gung, um wie Blü­cher die Elbe zu que­ren. Als Schlüs­sel­stel­lung ent­wi­ckel­te sich ALTENZAUN.

[…] Alten­zaun ist ein Dorf etwa 5 km ober­halb der Fähr­stel­le von San­dau. Es liegt auf der Sen­kung des hüg­li­gen Gelän­des, das rechts die Ufer­wie­sen der Elbe hat und weni­ge hun­dert Schritt nord­wärts von dem Dor­fe sich gegen eine wei­te, mit Alleen, Grä­ben und Gebü­schen durch­schnit­te­ne Ebe­ne absetzt. Am nörd­li­chen Ran­de die­ser Höhen fließt ein Gra­ben, der Geest­gra­ben, aus einem Teich, dem Münz­see, west­wärts hin­ab, an der Pol­krit­zer Kir­che vor­über, bei der jenes Hügel­land in Wald­stre­cken über­geht. Die­se Ebe­ne wird von den Ufer­wie­sen der Elbe durch den Elb­damm getrennt, der, bei Alten­zaun an die Höhe anset­zend, an dem Dor­fe Oster­holz und wei­ter dem Dor­fe Rosen­holz hart vor­über­zieht. Die Land­stra­ße nach San­dau führt von Alten­zaun nord­west­lich über das hüge­li­ge Gelän­de zu dem Geest­gra­ben hin­ab und dann 800 Meter wei­ter über einen zwei­ten Gra­ben (Stra­ßen­gra­ben) bei Zacken­krug über die Ebe­ne nach Rosenhof. […]
Vergl. »Yorck von War­ten­burg«, Ein Leben preu­ßi­scher Pflicht­er­fül­lung, Droy­sen, Voll­mer Ver­lag, Phai­don Essen, S. 62

Der mili­tä­risch gebil­de­te Leser wird unschwer erken­nen, dass das Gelän­de güns­ti­ge Bedin­gun­gen bot, in dem Yorck mit sei­nen Jäger­kom­pa­nien agie­ren konn­te. Hier war es mög­lich, in der zer­streu­ten Gefechts­ord­nung Manö­ver durch­zu­füh­ren. Wald und Hecken­rei­hen boten Deckung und gestat­ten eine wirk­sa­me Feu­er­füh­rung. Grä­ben und Was­ser­läu­fe lie­ßen eine Umfas­sung durch Kaval­le­rie schwer bis gar nicht zu. Die beschei­de­ne Artil­le­rie, die Yorck zur Ver­fü­gung hat­te, konn­te ent­lang von Sicht­ach­sen im direk­ten Schuss wirk­sam Feu­er füh­ren. Der tak­ti­sche Vor­teil lag bei den von Yorck geführ­ten leich­ten Truppen.

Alten­zaun mit Gelän­de­mar­kie­run­gen bei Droy­sen 1854